Zeugenaussagen im Auschwitz-Prozess: Dr. Lajos Schlinger

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Der Arzt Dr. Lajos Schlinger war bei seiner Aussage im Prozess 68 Jahre alt und lebte in Rumänien. Im Juni 1944 wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz verschleppt, weil er Jude war. Seine Häftlingsnummer ist nicht bekannt. Während er wenige Tage später in ein Außenlager des KZ Dachau transportiert wurde, wurden seine Frau und seine 17-jährige Nichte in Auschwitz ermordet. Seine Tochter überlebte.
Im Frühjahr 1944 begann die SS mit ihrer größten Vernichtungsaktion: die Deportation und Vernichtung der ungarischen Juden. Nach der Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht im März 1944 kam wenige Wochen später der erste Transport aus Ungarn in Auschwitz an. Innerhalb von acht Wochen wurden 437.000 Juden aus Ungarn deportiert, von denen mehr als 300.000 in Auschwitz unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden.
Dr. Lajos Schlinger gehörte zu einer Gruppe von zwölf Ärzten, die im Ghetto von Cluj/Kolozsvár ein Spital aufgebaut hatten. Die Ärzte und Schwerkranken wurden mit dem letzten Transport aus dem Ghetto nach Auschwitz deportiert, wo sie am 11. Juni 1944 ankamen. In seiner Aussage schilderte Dr. Lajos Schlinger auch die Ankunft seines Transportes in Auschwitz.

Tondokument

Aussage des Zeugen Lajos Schlinger im Auschwitz-Prozess; © Fritz Bauer Institut


„Ja. Ich werde es weiter schildern. Wir sind in der Nacht angekommen. Die Waggons wurden nicht geöffnet, wir warteten zwei, drei Stunden lang. Ich glaube, früh um vier, fünf hat man die Waggons aufgemacht. Wir wurden herausgejagt. Es war eine höllische Situation, weil wir dieses Spital geleert haben und die kranken Leute mitgenommen haben. Das machten aus circa 250 bis 300 Kranke. Viele Leute waren, so kann man sagen, Schwerkranke. Es waren Leute, die konnten nicht einmal auf den Füßen stehen, die waren gelähmt. Andere haben Phlegmone gehabt, andere alte Krankheiten, und wenn wir – wie ich gesagt habe – herausgejagt wurden mit Gewalt – war es die Hölle von Dante. Ein Himmel dazu, was dort geschehen ist. Als unser Waggon aufgemacht wurde und wir herausgekommen sind aus dem Waggon, waren schon viele Waggons vorher geöffnet worden, und diese kranken Leute, die konnten nicht einmal auf den Füßen stehen, die sind auf der Erde teilweise gelegen, teilweise gesessen. Männer haben geschrieen, Frauen weinten, Kinder brüllten. Es war eine schreckliche Situation.“


Text aus: Monica Kingreen, Der Auschwitz-Prozess 1963–1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung, (Pädagogische Materialien Nr. 8, Fritz Bauer Institut), Frankfurt am Main, 2004, S.66f.

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Erster Frankfurter Auschwitz-Prozess;  

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