Zeugenaussagen im Auschwitz-Prozess: Filip Müller

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Filip Müller, 1964

Der Beamte Filip Müller war bei seiner Aussage im Auschwitz-Prozess 42 Jahre alt und lebte in Prag in der damaligen Tschechoslowakei. Im Frühjahr 1942 wurde er im Rahmen der Deportation aus der Slowakei nach Auschwitz verschleppt. Er war jüdisch. Seine Häftlingsnummer war 29.236. Er gehörte zeitweise dem so genannten Sonderkommando an, das für die Verbrennung der Leichen in den Krematorien zuständig war.
Filip Müller gehört zu den wenigen Überlebenden des so genannten Sonderkommandos, das zur direkten Mitwirkung an der Massenvernichtung bei den Gaskammern, zur „Verwertung“ der Leichen und der Bedienung der Krematorien gezwungen war. Ab Juli 1943 waren vier große Krematorien in Birkenau fertig gestellt, die eine Tageskapazität von 4.416 Leichen erreichten. Das „Sonderkommando“ bestand zumeist aus jüdischen Häftlingen. Im Jahre 1944 arbeiteten fast 900 Häftlinge dort. Die Aufgaben des „Sonderkommandos“ waren psychisch nicht zu verkraften und lösten bei den Häftlingen zuerst einen schweren Schock aus, der nicht selten zum Selbstmord oder aber zu einem Zustand der völligen Teilnahmslosigkeit führte. Als direkte Zeugen der Vergasungen wurden die Angehörigen des „Sonderkommandos“ streng isoliert vom Rest der Häftlinge untergebracht und in nahezu regelmäßigen Abständen ermordet. Mit der Evakuierung des Lagers am 18. Januar 1945 wurden die noch am Leben gebliebenen 100 Angehörigen des „Sonderkommandos“ mit anderen Häftlingen in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt. Dort versuchten SS-Angehörige die Zeugen des Verbrechens in der Masse der Häftlinge zu identifizieren, was ihnen aber nicht gelang.
In seiner Aussage schilderte Filip Müller auch eine Vergasung polnischer Juden im Alten Krematorium im Stammlager Auschwitz im Sommer 1942.

Tondokument

Aussage des Zeugen Filip Müller im Auschwitz-Prozess; © Fritz Bauer Institut


„,Ich möchte es schildern, wie hat das ausgeschaut. Also die Menschen, das waren Juden von Polen. […] Die Menschen, wie wir gesehen haben, sie hatten nicht gewußt, wohin sie gehen. Aber sie haben gewußt, das ist nicht gut. Etwas ist nicht gut hier, wenn man die Frauen, die Kinder, die Männer, alles; ,Los, los, ausziehen!‘ Und sie schauen einer auf den andern: Was wird hier sein?
Ja, und die kleinen Kinder, wenn sie es sagen, die gehen zu den Eltern, aber sie weinen nicht. Sie weinen nicht. Sie waren wahrscheinlich vom Ghetto oder was, und sie weinen nicht. Aber so schnappen sie, und so geht es, also diese ersten 300 oder 350, und dann gehen sie in ein Zimmer, in das Krematorium, vorne rechts in eine kleine Stube. Dort gehen sie nur durch und gleich wieder in die Gaskammer.
Und jetzt sehen wir, daß alle Türen waren zugesperrt. Auch die Türe, wie man geht herein ins Krematorium, sperrt man zu. […]
Und da hören wir auf einmal schweren ,spw kašel‘.

Dolmetscher: Husten.
Einen Husten. Und sie schreien, die Menschen. Man hört die Kinder, und alles zusammen schreit. ,Spw bouchají na dve’e‘

Dolmetscher: Schlagen an der Türe.
Takové jako ze vzdáli slyšení, jako z dálky je to slyšet.

Dolmetscher: Wie von der Ferne ist das zu hören.
Zu hören, wie sie schlagen auf die Tür. Dann langsam, wieder schlagen und so nicht mehr, langsam, langsam, langsam, langsam, hierher noch (hustet) so.

Vorsitzender Richter: Ein Husten, und dann?
Ein Husten.“



Text aus: Monica Kingreen, Der Auschwitz-Prozess 1963–1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung, (Pädagogische Materialien Nr. 8, Fritz Bauer Institut), Frankfurt am Main, 2004, S.76

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Erster Frankfurter Auschwitz-Prozess;  

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