Antisemitische Schmierereien zum 1. Mai 1938

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In der Nacht auf den 1. Mai 1938 wurden die sechs Schaufenster des Schuhhauses Joseph am Rossmarkt mit antisemitischen Parolen beschmiert. Die Täter bestellten die Frankfurter Fotografin Hannah Reeck, die, wie die überlieferten Fotografien der Schmierereien verdeutlichen, noch in der Nacht Fotografien anfertigte. Genügend Licht boten die beiden Straßenlaternen auf dem Trottoir in Höhe der Fassadengrenzen des Geschäftshauses.

Das Schuhhaus Joseph, Rossmarkt 8, im Herbst 1931, zeitgenössische Fotografie

Antisemitische Schmiererei an einem Schaufenster des Schuhhauses Joseph in der Nacht zum 1. Mai 1938, zeitgenössische Fotografie


Von Hannah Reeck stammen weitere Fotografien der antisemitischen Beschmierung eines Geschäftsschaufensters von Anfang Oktober 1938 an der Ecke Zeil/Hasengasse. Die Fotografin hat immer wieder bei Veranstaltungen der NSDAP fotografiert. Ihre Fotografien legen die Annahme nahe, dass sie als geschätzte Fotografin von Parteiorganisationen und -untergliederungen gezielt angesprochen wurde. Der nächtliche Foto-Termin lässt den Schluss zu, dass die antisemitischen Schmierer selbst sie bestellten, um mit einer Publikation der Fotografien die erhoffte Wirkung zu verstärken.

Antisemitische Schmiererei an einem Schaufenster des Schuhhauses Joseph in der Nacht zum 1. Mai 1938, zeitgenössische Fotografie

Antisemitische Schmiererei an einem Schaufenster des Schuhhauses Joseph in der Nacht zum 1. Mai 1938, zeitgenössische Fotografie


Eine offizielle antisemitische Aktion zum 1. Mai 1938 ist nicht bekannt. Im Frühjahr 1938 war der Antisemitismus längst nationalsozialistische Staatsräson. Neu war die unverhüllte öffentliche Drohung der Ermordung der jüdischen Bevölkerung.

Antisemitische Schmiererei an einem Schaufenster des Schuhhauses Joseph in der Nacht zum 1. Mai 1938, zeitgenössische Fotografie

Antisemitische Schmiererei an einem Schaufenster des Schuhhauses Joseph in der Nacht zum 1. Mai 1938, zeitgenössische Fotografie


Die mit weißer Farbe auf sämtliche Schaufenster geschmierten Beleidigungen und Drohungen sind aufeinander abgestimmt und haben eine Botschaft: Rasche Auswanderung oder Tod als „Lösung der Judenfrage“. Auch die einheitliche Handschrift verrät, dass die Verschmierung geplant war und ihre Botschaft vor der Tat feststand. Der Zeitpunkt, der 1. Mai, versprach große Aufmerksamkeit, weil am 1. Mai, dem Tag der nationalen Arbeit, zehntausende in die Innenstadt kamen. Das Schuhhaus Joseph lag verkehrsgünstig und wird deshalb gezielt ausgesucht worden sein.

Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine Aktion der Ortsgruppe Innenstadt der NSDAP. Die Heimlichkeit entsprach allerdings den Aktionen der Kampfzeit vor 1933, in denen streng darauf geachtet wurde, die Partei als Täter nicht erkennbar werden zu lassen. Im weiteren Verlauf des Jahres 1938 stieg die Unzufriedenheit innerhalb der NSDAP und vor allem an ihrer Basis, dass sich in der Judenfrage nichts bewegte. Die Schmierereien waren eine Botschaft an Führung und Führer, die „Lösung der Judenfrage“ endlich voranzubringen. Auch die Ermordung war als Lösung genehm.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003