Max Beckmann

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Als Max Beckmann 1925 Leiter des Meisterateliers an der Städelschule wurde, war er bereits ein international anerkannter Maler und Grafiker. Allein bis zum Beginn der 1930er Jahre erhielt er zahlreiche nationale und internationale Kunstpreise. Nahezu jährliche Einzelausstellungen in ganz Europa würdigten seine Arbeiten. 1932 richtete die Berliner Nationalgalerie gar einen ganzen Beckmann-Raum ein.

Max Beckmann, Die Synagoge in Frankfurt am Main, 1919, Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt am Main


Zum Zeitpunkt seiner Berufung an die Städelschule lebte Beckmann bereits seit zehn Jahren in Frankfurt. Hier entwickelte der Künstler, der sich in seinem Frühwerk mit sehr eigenständigen impressionistischen Gemälden einen Namen gemacht hatte, eine veränderte Formensprache. Verursacht u. a. durch die persönlichen Erfahrungen im Weltkrieg, wurden seine Arbeiten nun radikaler: kantige Formen, überlängte Körperproportionen, die Auflösung traditioneller Raumkonstruktion sowie (zunächst) eine reduzierte Farbigkeit und eine Überfülle an Figuren. Diese modifizierte Ausdrucksweise machte sich vor allem in Beckmanns grafischen Arbeiten bemerkbar, die in Frankfurt einen ersten Schwerpunkt darstellten. Ab Mitte der 1920er Jahre wurden die Formen und Kompositionen klarer und farbiger, die Themen änderten sich: Bildnisse, Landschaften und Stadtansichten, Stilleben und Interieurs sowie Alltagsszenen dominierten. Religiöse Themen hingegen bearbeitete Beckmann jahrelang kaum mehr.
Um Beckmann für die Städelschule zu gewinnen, hatte deren Direktor Fritz Wichert ihm besondere Arbeitsbedingungen eingeräumt. Der Künstler, dem auch Angebote anderer Kunstschulen vorlagen, erhielt das erste Meisteratelier zur Förderung weniger, besonders begabter Schüler. Er bekam zudem ein hohes Gehalt ausgezahlt, an dem sich ein Frankfurter Mäzen beteiligte. Von 1929 an wurde Beckmann zudem ein Wohnsitz in Paris gewährt, von wo aus er zeitweise nur einmal im Monat nach Frankfurt kam. Die Sonderkonditionen Beckmanns wurden aus den Reihen des Magistrats sowie der Kollegen z. T. heftig kritisiert. Anhaltende Vorwürfe, Beckmann vernachlässige die Betreuung seiner Studenten, veranlassten den Künstler im Oktober 1931, seinen Vertrag zu kündigen. Fritz Wichert, Georg Swarzenski und Ludwig Landmann jedoch konnten Beckmann zur weiteren Lehrtätigkeit überreden.

Abschrift des Kündigungsschreibens an Max Beckmann vom 31. März 1933


Die besondere Stellung Beckmanns an der Städelschule endet mit der so genannten Machtergreifung und der schnellen Gleichschaltung der Schule. Der kommissarisch eingesetzte Direktor, Karl Berthold, spricht die Entlassung aller unerwünschten Dozenten der Städelschule am 15. April 1933 aus, um die Kunstschule „nach dem Grundsatz einer deutschen, in dem Handwerk wurzelnden Kunst umbauen zu können“. Da es für Beckmanns Entlassung keine Argumente gibt, wird ein altes Gesetz, die Preußische Sparverordnung vom 12. September 1931, hervorgeholt: „Zum Zwecke der unumgänglichen Ersparnis an Personalausgaben“ entlässt Oberbürgermeister Friedrich Krebs einen der bekanntesten zeitgenössischen Künstler. Berthold formuliert seine tatsächlichen Vorwürfe an Beckmann in einem neunseitigen Hetzschreiben vom 20. April 1933, in dem er vorrangig die Beurlaubung Wicherts „begründet“. Darin heißt es, Beckmann sei ein „Judenknecht“, der „Kunsthurerei“ betreibe. Zudem habe er seine Lehrtätigkeit vernachlässigt.
Außer Beckmann müssen zudem Willi Baumeister, Josef Hartwig, Jacob Nußbaum, Richard Scheibe und Franz Schuster die Schule verlassen, Margarethe Klimt wird beurlaubt.
Es folgt die Auflösung von Beckmanns Meisteratelier sowie Sanktionen gegen die „beckmännisch“ arbeitenden Schüler, z. B. Friedrich Wilhelm Meyer und Leo Maillet. Die Nationalsozialisten behindern damit die künstlerische Entwicklung vielversprechender Künstler der Folgegeneration.

Max Beckmann, Kreuzabnahme, 1917, ehemals Städtische Galerie, Museum of Modern Art, New York

Max Beckmann, Kreuzabnahme, 1917, beschlagnahmt aus der Städtischen Galerie, in der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937, daneben Beckmanns „Christus und die Ehebrecherin“, 1917, zeitgenössische Fotografie


Max Beckmanns Arbeiten werden reichsweit aus allen Museen entfernt, darunter auch fünf seiner Gemälde in der Städtischen Galerie. Ein Teil der enteigneten Bilder ist ab 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Einige Gemälde werden am 30. Juni 1939 in der Galerie Fischer in Luzern versteigert. Viele dieser Arbeiten Beckmanns sowie anderer bedeutender Künstler der Moderne konnten bis heute nicht zurückerworben werden und blieben für deutsche Museen verloren. Lediglich zwei der geplünderten Beckmann-Gemälde, „Stilleben mit Saxophonen“ und „Zwei Frauen“, konnten 1962 für die Städtische Galerie zurückerworben werden.


Literatur
  • Hans-Jürgen Fittkau, Karl Tratt, Friedrich Wilhelm Meyer und ihre Kommilitonen, Frankfurt am Main 2000
  • Klaus Gallwitz (Hg.), Max Beckmann. Gemälde 1905 - 1950, Stuttgart 1990
  • Ders. (Hg.), Max Beckmann in Frankfurt, Frankfurt am Main 1984
  • Karin von Maur (Hg.), Max Beckmann. Meisterwerke 1907 - 1950, Stuttgart 1994
  • Rudolf Pillep, Max Beckmann. Leben und Werk - neue Forschungen, Habil. Halle 1993
  • Dieter Rebentisch, Max Beckmann und Frankfurt am Main. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 127–157
  • Hans-Jürgen Fittkau, Leben und Werk des Frankfurter Beckmann-Schülers Karl Tratt (1900–1937). In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 159–176
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: S2/209; Personalakte 1630 (Fritz Wichert)

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  „Gleichschaltung“ der Frankfurter Städelschule;  
Institutionen/Orte/Begriffe:  Wohnung und Atelier Max Beckmanns;   Städelschule, Sitz Dürerstraße 12;  
Personen:  Jakob Nussbaum;  

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