Die „Materialspende“ des Bismarck-Denkmals

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Nach Kriegsbeginn benötigte die Rüstungsindustrie zunehmend verwertbares Metall. Hermann Göring kündigte in einem Dekret an die Reichsminister vom 23. Februar 1940 die „Metallspende des Deutschen Volkes“ an. Schon im Ersten Weltkrieg war eine Metallsammlung durchgeführt worden, jedoch laut Göring zu spät. Sein Aufruf erfolgte bereits im ersten Kriegsjahr, wobei er den Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April zum Anlass nahm. Der Frankfurter Oberbürgermeister gab am 27. März 1940 die Durchführung der Metallspende in Auftrag: Unter anderem „spendete“ die Stadt Wappen, Leuchter, Aschenbecher, Gebäudeteile, Glocken und „überflüssiges“ Kulturgut; Vereine übergaben Trophäen; einzelne Mitglieder der Volksgemeinschaft ließen Hausrat einschmelzen.
Zur Auswahl von in Frage kommenden Denkmälern ernennt Friedrich Krebs weisungsgemäß örtliche Sachverständige. In einer ersten Besprechung kommen am 12. Juli 1940 im Wirtschaftsamt am Rathenauplatz 3, 2. OG, die Herren Wilhelm Arntz, Willi Emrich, Otto Fischer, Bernhard Heun, Erich Kabel, Walter Mannowsky sowie Ernstotto Graf zu Solms-Laubach zusammen. Nach etwa zwei Jahren hat der Sachverständigenrat im August 1942 alle in Frage kommenden Denkmäler erfasst.

Das Bismarck-Denkmal (1908) von Rudolf Siemering, Fotografie 1920

Das Bismarck-Denkmal in seinem räumlichen Kontext in der Gallusanlage, Fotografie 1920




Der Metallspende zugeführt werden nur wenige Denkmäler: das Bismarck-Denkmal, der Schützenbrunnen, das Kriegerdenkmal in Eschersheim sowie die Sockelverzierungen und der Sockel des Schopenhauer-Denkmals, „da sie ohne künstlerischen, politischen, geschichtlichen oder heimatlichen Wert sind“. Ausdrücklich erhalten bleiben unter anderem: die Büste des Schopenhauer-Denkmals („heimatlicher Wert“), das Goethe-Denkmal („künstlerischer und heimatlicher Wert“), das Schiller-Denkmal („künstlerischer Wert“) und der Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg („heimatlicher und geschichtlicher Wert“).

Das Schopenhauer-Denkmal (1895) von Johann Schierholz in der Obermainanlage, zeitgenössische Fotografie

Das Schopenhauer-Denkmal nach der Entfernung der Metallverzierungen mit neuem Sockel, Fotografie 1960


Der „Frankfurter Generalanzeiger“ schreibt nach einer Pressemitteilung des Bauamtes am 19. April 1940: „(...) Von Denkmälern, die ohne besonderen zeitgeschichtlichen und künstlerischen Wert sind und deshalb für die Spende zur Verfügung gestellt werden, ist in erster Linie der Schützenbrunnen vor dem Tiergarten zu nennen. Auch das Bismarckdenkmal wird der Metallspende überwiesen werden. Zur gegebenen Zeit wird ein neues schöneres Kunstwerk entstehen, das den Dank der Frankfurter Bürger an den Gründer des Reichs besser zum Ausdruck bringt. (...) Alle zur Einschmelzung vorgesehenen Gegenstände sind auf ihren künstlerischen Wert hin geprüft worden. Es ist deshalb nicht zu befürchten, daß durch diese Metallsammlung wertvollere Kunstgegenstände aus städtischem Besitze aus Unkenntnis vernichtet werden.“

Das Bismarck-Denkmal (1899) von Alois Mayer in Frankfurt-Höchst


Das Bismarck-Denkmal in Höchst („heimatlicher Wert“) wird ebenfalls erhalten „da das künstlerisch beanstandete Bismarck-Denkmal in Frankfurt selbst beseitigt wurde“.
Die Ortsgruppe Rödelheim informiert den Kreiswirtschaftsberater der NSDAP darüber, dass das Friedrich-Ebert-Denkmal sowie das Heinrich-Heine-Denkmal nicht entfernt wurden. Dieser fragt daraufhin bei Friedrich Krebs an, was es mit den Denkmälern, die beide unmittelbar nach dem Regierungswechsel 1933 abgebaut worden waren, auf sich hatte. Krebs antwortet beschönigend am 19. Dezember 1942: „(...) Das Standbild des ehem. Heine-Denkmals, das ein Werk des bekannten Prof. Kolbe ist, gilt ebenso wie das Standbild des ehem. Ebert-Denkmals als Kunstwerk von besonderer Bedeutung. Ich habe es daher in gleicher Weise wie das Standbild des Ebert-Denkmals seinerzeit nach Übernahme der Macht in der Stadtverwaltung sicherstellen lassen, um es als Kunstwerk zu erhalten und ggf. bei einer passenden Gelegenheit wieder zu verwenden.(...)“


Literatur
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: S3/K7; S3/K9605; Magistratsakte 4880; Magistratsakte 3869; Magistratsakte 3870

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Gallusanlage;  

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