Das vergessene Ludwig-Börne-Denkmal

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Das Ludwig-Börne-Denkmal (1877) von Jacob Kaupert in der Bockenheimer Anlage, zeitgenössische Fotografie

Im November 1931 schändeten „Unbekannte“ das Börne-Denkmal in der Bockenheimer Anlage. Sie stießen die Bildnisbüste, die den im Frankfurter jüdischen Ghetto geborenen Schriftsteller Ludwig Börne ehrte, von ihrem Sockel. Die Stadt entfernte daraufhin zwar die Büste, ließ das Postament mit der marmornen Reliefplatte jedoch stehen. Eine politische Reaktion folgte nicht.
Mit einem Schreiben an den Magistrat vom 6. Dezember 1931 beklagten die beiden Vorsitzenden des Schutzverbands Deutscher Schriftsteller, Alfons Paquet und Otto Schwerin, dass die Schändung des Denkmals noch nicht geahndet sei. Der Magistrat antwortete dem Verband vier Wochen später, wegen der starken Zerstörung sei eine Neuanfertigung nötig. Diese jedoch erfordere laut einer Kostenschätzung durch Richard Scheibe, Professor an der Städelschule, in dessen Atelier sich die Büste befand, 1.500 bis 1.800 RM. Da die Stadt diese Summe nicht aufbringen könne, solle der Verband Geld für die neue Büste sammeln. Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller lehnte dies ab und forderte stattdessen den Magistrat auf, die Büste in ihrem beschädigten Zustand als Zeichen der Schande aufzustellen und um eine Plakette mit der Aufschrift „Beschädigt am ... von unbekannten Frevlern“ zu ergänzen.
Die Presse wurde eingeschaltet - vermutlich vom Schutzverband Deutscher Schriftsteller. Artikel der „Volksstimme“ und der „Frankfurter Zeitung“ zitierten am 16. Februar 1932 aus dem Ablehnungsschreiben des Magistrats. Die „Volksstimme“ begrüßte die Idee des Verbandes, mit der defekten Büste die Zerstörung selbst zu thematisieren. Die Zeitung schlug vor, die Büste mit der Inschrift „Beschädigt und besudelt von den Zöglingen des Professors der angewandten Pädagogik Adolf Hitler. Deutschland erwachte!“ aufzustellen.
Die Presseberichte zeigten Wirkung: Baudezernent Reinhold Niemeyer und Kulturdezernent Max Michel kündigten nun die Neuanfertigung durch einen Frankfurter Künstler an, die durch die Frankfurter Künstlerhilfe finanziert werde. Die kam jedoch erst in ihrer Sitzung am 3. Dezember 1932 zu dem Entschluss, Geld für die Neuanfertigung einer Büste zur Verfügung zu stellen. Für das Jahr 1932 wurde kein Geld mehr bewilligt.
Wenige Wochen später folgte die so genannte Machtergreifung. Die Nationalsozialisten boykottierten aus rassistischen Gründen die Ehrung für den jüdischen Schriftsteller Börne, der sich „in Wort und Schrift gegen das Deutschtum vergangen“ habe. Sie ließen den Sockel des Denkmals entfernen. Es kam zu keiner Realisierung des Denkmalvorhabens mehr.

Georg Mahr und Helfer 1960 mit der von ihm gestalteten Börne-Gedenktafel. Darin ein Zitat Heinrich Heines über Ludwig Börne, zeitgenössische Fotografie

Die Börne-Gedenktafel in ihrem räumlichen Kontext in der Bockenheimer Anlage, zeitgenössische Fotografie


Erst im Oktober 1958, dreizehn Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges, beschloss der Frankfurter Magistrat die Instandsetzung und Neuaufstellung des Denkmals an seinem ursprünglichen Standort. Das Amt für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und die Jüdische Gemeinde ließen die Büste vergeblich in den verschiedenen Frankfurter Museen und bei Privatpersonen suchen. Wenngleich im Ostflügel der kriegszerstörten Städelschule Steine gefunden wurden, von denen der Bildhauer Emil Hub behauptete, sie stammten vom Börne-Denkmal, blieb die Büste auch in den folgenden Monaten unauffindbar. Schließlich gab die Stadt Frankfurt bei dem Frankfurter Bildhauer Georg Mahr eine Gedenkplatte in Auftrag, die sie 1960 am ursprünglichen Standort des Denkmals aufstellen ließ.


Literatur
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Magistratsakte 2293; Magistratsakte 3869

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Schändung des Ludwig-Börne-Denkmals;  
Institutionen/Orte/Begriffe:  Ludwig-Börne-Denkmal;   Gedenktafel für Ludwig Börne;  
Personen:  Heinrich Heine;  

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