Der Konflikt um den Börneplatz

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Der so genannte Börneplatzkonflikt beschäftigte die Frankfurter Öffentlichkeit im Jahr 1987. Bei Ausschachtungsarbeiten zu dem neuen Kundenzentrum der Frankfurter Stadtwerke waren unerwartet viele Überreste der ehemaligen „Judengasse“, des mittelalterlichen Judenghettos, ausgegraben worden. Da Stadtplaner und Archäologen vor dem Verkauf des zentral gelegenen Grundstücks Ende 1983 nur mit wenigen, schlecht erhaltenen Funden gerechnet hatten, erhob auch die Jüdische Gemeinde keine Einwände gegen eine Bebauung des Platzes. Vorgesehen war lediglich eine wissenschaftliche Dokumentation der Fragmente.

Ausgegrabene Häuserfragmente des mittelalterlichen jüdischen Ghettos, August 1987, zeitgenössische Fotografie


Die Baupläne musste jedoch geändert werden, als im Frühjahr 1987 bei den Ausschachtungsarbeiten die Grundmauern von neunzehn Häusern der Judengasse zutage kamen. Von der Ausgrabung einer unbekannten Mikwe, eines Ritualbades, erfuhr die Jüdische Gemeinde aus der Presse. Zusammen mit einer weiteren, aus alten Stadtplänen bekannten Mikwe, die später ebenfalls ausgegraben wurde, erhielt dieser Fund einen bedeutenden kulturhistorischen Wert. Die im Jahr zuvor gegründete Bürgerinitiative „Rettet den Börneplatz“ forderte daher die vollständige Erhaltung der Fundamente und die Wahrung des Börneplatzes als authentischen Ort des Gedenkens. Ihre Unterschriftenaktionen, Demonstrationen und Podiumsdiskussionen wurden unterstützt durch Frankfurter Bürger sowie durch Organisationen wie z. B. die Kirchengemeinden, den DGB, die Arbeiterwohlfahrt und den Bund für Volksbildung. Außer der regierenden CDU, die mit absoluter Mehrheit im Magistrat vertreten war, sprachen sich zudem alle politischen Parteien für ein Überdenken des Bauvorhabens aus.
Der neue Oberbürgermeister Wolfram Brück lehnte dennoch Empfehlungen ab, zugunsten einer genaueren archäologischen Untersuchung der Funde einen Baustopp zu verhängen. Stattdessen wog er die Bedürfnisse des Denkmalschutzes gegen die ökonomischen Interessen des städtischen Dienstleistungsunternehmens auf. Brück berief sich zudem auf die frühe Zusage der Jüdischen Gemeinde zur Bebauung des Platzes sowie auf Hinweise der Denkmalpfleger, die Ruinen müssten ohnehin aus konservatorischen Gründen abgebaut und gesichert werden. Die Demonstranten hingegen argumentierten mit dem kulturellen und historischen Wert des Platzes. Sie warfen dem Oberbürgermeister die Verdrängung der jüngsten deutschen Geschichte vor. Da es im öffentlichen Raum kaum jüdische Zeugnisse gebe, könne die Anschaulichkeit der Fragmente die gemeinsame Geschichte von Christen und Juden in Frankfurt deutlich machen.

Demonstrationszug von der Braubachstraße zur Battonnstraße, 29. August 1987, zeitgenössische Fotografie

Beschriftungen an der Baustelle Börneplatz durch Demonstranten, 30. August 1987, zeitgenössische Fotografie


Unter dem wachsenden öffentlichen Druck gab Brück zunächst nach: Er sagte die Erhaltung einer Mikwe und ihre Integration in den Neubau zu. Kurz darauf verkündete Brück die Erhaltung eines weiteren Hauses, im Laufe des Konfliktes „erhöhte“ er auf fünf Häuser und beide Mikwen. Damit dies als wohlwollendes Zugeständnis verstanden wurde, brachte Brück historische „Belege“ vor, die den Konflikt jedoch nur noch verschärften: „(...) Weil es eine Judenverfolgung in der Stadt Frankfurt am Main nicht gegeben hat, wohl aber in anderen deutschen Städten, gab es einen immerwährenden Zuzug von Juden nach Frankfurt, der letztlich zu der drangvollen Enge in der Judengasse führte.“ Der hessische Ministerpräsident Walter Wallmann, Vorgänger und Förderer Brücks, unterstützte ihn. Wallmann bescheinigte Brück „Augenmaß und Klugheit“ und bestritt die Notwendigkeit eines Mahnmals am Börneplatz. Die Fundamente böten keinen Anlass zur Scham, da kein Zusammenhang zwischen dem mittelalterlichen Ghetto und dem Holocaust bestehe.

Die Besetzung der Baustelle am Börneplatz durch Demonstranten, 28. August 1987, zeitgenössische Fotografie


Diese Äußerungen sowie die Fortsetzung der Bauarbeiten am Börneplatz ließen den Konflikt eskalieren: Etwa dreißig Demonstranten besetzten den Platz am 28. August 1987, um einen Baustopp zu erzwingen. Wenige Tage später folgte die Räumung der Baustelle durch etwa 120 Polizisten sowie die Errichtung eines drei Meter hohen Bauzauns. Die weiteren Abbrucharbeiten fanden nunmehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.





Die Räumung der besetzten Baustelle, 2. September 1987, zeitgenössische Fotografie

Von Demonstranten beschrifteter Metallzaun, der nach der Räumung der besetzten Baustelle errichtet worden war, September 1987, zeitgenössische Fotografie



Als vermeintlichen Kompromiss realisierten die Verantwortlichen schließlich die Errichtung der Gedenkstätte Neuer Börneplatz sowie die Integration ausgewählter Fundamente in das eigens gegründete „Museum Judengasse“ im neuen Kundenzentrum. Sie ließen die Fragmente ausbauen, den Neubau beginnen und schließlich die Grundsteine in ein speziell geschaffenes Zwischengeschoss wieder einsetzen. Durch dieses aufwändige Verfahren wurden die wenigen erhaltenen Reste des mittelalterlichen Ghettos im wörtlichen Sinne konserviert.

Dauerausstellung der ausgewählten Ruinen im Museum Judengasse, Fotografie August 1999

Dauerausstellung von Fragmenten der Börneplatz-Synagoge im Museum Judengasse, Fotografie August 1999


Nur zehn Jahre nach dem Bezug des Neubaus beschloss das mittlerweile privatisierte Unternehmen im Herbst 1999 den Verkauf des Gebäudes. Der einst kundenfreundlich gelegene Bau war zu klein geworden.


Literatur
  • Ausst.Kat. Stationen des Vergessens. Der Börneplatz-Konflikt, Frankfurt 1992
  • Michael Best/Eva Demski, Der Frankfurter Börneplatz. Zur Archäologie eines politischen Konflikts, Frankfurt am Main 1988
  • Janine Burnicki, Steine der Erinnerung. Der Konflikt um den Frankfurter Börneplatz und die „Gedenkstätte am Neuen Börneplatz für die von Nationalsozialisten vernichtete dritte jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main“, Magisterarbeit Frankfurt am Main 2000
  • Hans-Otto Schembs, Der Börneplatz in Frankfurt am Main. Ein Spiegelbild jüdischer Geschichte, Frankfurt am Main 1987

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