Die Entfernung des Friedrich-Ebert-Denkmals

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Anlässlich des Todes des ersten frei gewählten Staatsoberhauptes der Republik, Friedrich Ebert, beschloss der Frankfurter Magistrat am 2. März 1925, Ebert eine Erinnerungsplakette zu widmen. Mit seiner Standortwahl bekannte sich Frankfurt zur Republik: Die Plakette war für die Fassade der Paulskirche vorgesehen, die als Sitz der ersten Nationalversammlung 1848 Symbol der Demokratie war.
Nachdem der Magistrat dem Vorschlag des beauftragten Künstlers Richard Scheibe gefolgt war, statt einer Plakette ein Denkmal zu errichten, drängte die Zeit. Der Künstler modellierte in nur sieben Tagen seinen Entwurf eines männlichen Aktes.

Die Figur des Friedrich-Ebert-Denkmals von Richard Scheibe, um 1926, zeitgenössische Fotografie

Richard Scheibe mit der von ihm geschaffenen Figur des Friedrich-Ebert-Denkmals, um 1926, zeitgenössische Fotografie


Die auf Untersicht konzipierte Figur, die auf einem Steinsockel in einer Höhe von vier Metern angebracht wurde, stellt eine der ersten überlebensgroßen männlichen Aktfiguren in Scheibes Werk dar. Der Formensprache des Künstlers entsprechend ist die Figur trotz ihrer Widmung an eine Person ohne die individuellen Züge des Namensträgers dargestellt. Auch ihre muskulöse Physiognomie ist nicht mit Ebert in Verbindung zu bringen. Beides sollte später zur Erhaltung der Figur führen, wie sich weiter unten zeigen wird.

Einweihung des Friedrich-Ebert-Denkmals durch Oberbürgermeister Ludwig Landmann am 11. August 1926, zeitgenössische Fotografie


Am 11. August 1926 weihte Oberbürgermeister Ludwig Landmann das Friedrich-Ebert-Denkmal feierlich ein. Gegen die Aufstellung des Denkmals war zuvor der Paulskirchenvorstand in Person des Pfarrers Georg Struckmeier Sturm gelaufen. Die „Frankfurter Volksstimme“ reagierte am 28. Juli 1926: „(...) Der Kirchenvorstand der Paulskirche, der sich bekanntlich seit langer Zeit schon als Parteifiliale der Deutschnationalen und Völkischen betrachtet, erdreistet sich, in einem Schreiben an den Magistrat gegen die Aufstellung eines Ebertgedenksteins an der Paulskirche Stellung zu nehmen. (...)“
Das Ebert-Denkmal wurde von der Mehrheit der Bevölkerung im republikanischen Sinne interpretiert, so auch vom „Frankfurter Abendblatt“ am 13. August 1926: „In der Gestalt des Jünglings aber ist das Deutsche Volk verkörpert, das sich nach Schicksalsschlägen übermenschlicher Härte aufrafft, um neues Gesetz und Zukunft zu erzwingen.“ Auch Fritz Wichert, Leiter der Städelschule, lobte das Denkmal. Konservative Kritiker hingegen lehnten die Figur aus einer völkischen Weltanschauung heraus ab. Auch die mangelnde Ähnlichkeit mit Ebert wurde bemängelt.
Das Pathos des „Abendblatt“-Artikels passte sich jedoch durchaus in die Zeit des Nationalsozialismus ein. Auch die Gestaltung des Werkes entsprach in einigen Details nationalsozialistischem Kunstverständnis: dem allgemein gehaltenen Gesichtsausdruck, der sportlichen Physiognomie der Figur sowie der handwerklich perfekten Ausübung. Zudem weist das Denkmal das bevorzugte Motiv des Dritten Reiches auf, den überlebensgroßen, männlichen Akt. Die Ehrung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten der Republik war jedoch mit der antidemokratischen Weltanschauung und dem propagierten Führerkult des Nationalsozialismus nicht vereinbar.
1933 meldet sich Georg Struckmeier ein weiteres Mal zu Wort. In der Jubiläumsfestschrift zum 100-jährigen Bestehen der Paulskirche deklariert er die Kirchengemeinde zum Opfer demokratischer und antinationaler Machenschaften: „(...) Zu den Versuchen, die Paulskirche der demokratisch=republikanisch=pazifistischen Idee dienstbar zu machen, müssen die jahrelang von den Behörden in der Kirche veranstalteten Verfassungsfeiern gerechnet werden, in denen Redner zu Wort kamen, deren Gedankengänge mit nationalem, geschweige denn mit christlichem Geist nichts mehr zu tun hatten (...). Der sichtbarste und eindrucksvollste Versuch nach dieser Richtung war die Anbringung des Ebert=Gedächtnis=Males an der Außenwand der Kirche(...). Es bedurfte erst einer nationalen Revolution, um diesem Akt der Vergewaltigung nationalen und evangelischen Empfindens ein Ende zu bereiten.“
Das Friedrich-Ebert-Denkmal wird am 12. April 1933 aus der Öffentlichkeit entfernt und in den Keller des Völkerkundemuseums verbannt.

Entfernung des Friedrich-Ebert-Denkmals von der östlichen Turmwand der Paulskirche am 12. April 1933, zeitgenössische Fotografie

Abschlagen der bronzenen Inschrift des Friedrich-Ebert-Denkmals im April 1933, zeitgenössische Fotografie


Dreieinhalb Jahre später erreicht Oberbürgermeister Friedrich Krebs eine Bitte, die Ebert-Figur einschmelzen zu dürfen: Die Kunstgießerei Andreas Komo, die die Figur seinerzeit gegossen hatte, erbittet im November 1936 die Gewinnung des Materials, da sie sich in einer Notlage befinde. Dem Schreiben kann Komo eine Bestätigung Richard Scheibes beifügen, der am 22. Oktober 1936 sein Einverständnis zur Einschmelzung gegeben hatte. Die künstlerische Gestaltung des Aktes hatte jedoch in der neuen Regierung Verteidiger gefunden: Der Leiter des Bauamtes, Dr. Müller, regt an, man solle die „an sich recht gute Bronzegestalt (...) als Kunstwerk für sich würdigen“. Der Hinweis, dass ihre Gestaltung keinerlei Ähnlichkeit mit Ebert aufweise, überzeugt den Oberbürgermeister, die Figur zu erhalten. Am 21. Dezember erteilt Krebs der Gießerei eine Absage.
1942 wurde die Ebert-Figur ein weiteres Mal vor der Zerstörung bewahrt. Krebs schloss das Ebert- und das Heinrich-Heine-Denkmal von der „Metallspende des deutschen Volkes“ aus, da beide von Künstlern geschaffen wurden, deren Arbeit auch die Nationalsozialisten schätzten. Allerdings stellte die Stadt Frankfurt auch nach dem Krieg die ursprüngliche Funktion des Denkmals nicht wieder her. Weder die Stadt, noch der Künstler selbst wünschten die Neuaufstellung des deponierten Friedrich-Ebert-Denkmals. Heute steht die Figur im Innenhof des Historischen Museums; an der Paulskirche befindet sich eine neue Figur Richard Scheibes.

Literatur
  • Ursula Grzechca-Mohr: Richard Scheibes erstes Denkmal für Friedrich Ebert. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 215–226

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städelsches Kunstinstitut;   Paulsplatz;  

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