Der neue Ehrensaal der Günthersburgschule

Druck

Zum Schuljahr 1937/38 erhielt die Günthersburgschule einen neuen Rektor. Der alte, ein national und konservativ geprägter Pädagoge, hatte in der Schulchronik, die der Rektor zu führen hatte, den 30. Januar 1933 als „Tag der nationalen Auferstehung“ warmherzig begrüßt. Mit besonderer Genugtuung erfüllte ihn die Tatsache, dass zum ersten Mal seit 1918 wieder die schwarz-weiß-rote Reichsfahne vor dem Schulgebäude wehen konnte. Zu den erwähnenswerten Ereignissen des Schuljahres gehörte der Zusammentritt der Schüler der höheren Klassen in der Aula aus Anlass der Radioübertragung einer Rede des Reichskanzlers, der Volk und Nation zu neuen Höhen führen wollte.

Ansicht des neuen Ehrensaals der Günthersburgschule, Fotografie 1937


Der Dienstantritt des neuen Rektors schlug sich unübersehbar in der Schulchronik nieder. Mit Tusche und Feder brachte er seitenfüllend die Intentionen seiner Pädagogik zu Papier: „Unsere Losung sei Adolf Hitler“, „Unser Denken bestimme das Hakenkreuz“, „Unser Tun sei Deutschland“. Besonders zielstrebig verfolgte er die Einsicht, dass die Schule kein „schmuckloser“, zum „nationalen Leben“ beziehungsloser Raum sein dürfe, sondern als gestaltete Umwelt die geistigen pädagogischen Grundideen ästhetisch umzusetzen habe.
Die Ehrenhalle, die am 9. November 1937 in Blickrichtung des Schulportals eröffnet wurde, war die Idee des neuen Rektors. Finanzieren ließ er sie aus Elternspenden und den Erlösen aus Schulfeiern und Sportfesten. Im Zentrum war auf einer Stele eine Bronzebüste Hitlers platziert, die die Reichsleitung der NSDAP als besonders gelungenes Porträt Hitlers zum Ankauf empfahl. Ein anderes Exemplar stand zum Beispiel im Besucherflur des Römers. Platziert war die Führerbüste vor einem von der Darstellung des Parteiadlers gekrönten Glasfenster, in das die Namen der im 1. Weltkrieg gefallenen Schüler der Günthersburgschule und der am 9. November 1923 beim gescheiterten Hitlerputsch in München erschossenen Nationalsozialisten eingelassen waren. Links und rechts standen Hakenkreuzfahnen. Ein Wandfries knapp unterhalb der Decke bot Kernsätze des „Führers“. Den Runenzeichen am Eingangsbogen war die biologische Bedeutung „Leben“ in Anwendung auf „Volk“ unterstellt. Das Volk war „ewig“ und schloss alle Gestorbenen wie die noch zur Welt kommenden ein. Der Tod als Opfer für das Leben des Volkes machte den Toten unsterblich. Ideologisch war es somit möglich, den Tod zu verlangen und sein Verlangen unangreifbar zu machen.
Die Erschossenen des Putsches von 1923 waren „Blutzeugen“ der Bewegung. Am 9. November eines jeden Jahres versammelten sich die Spitzen der Partei und die „Alten Kämpfer“ in München. Neben dem 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, war der 9. November höchster nationalsozialistischer Feiertag. An diesen Tagen fanden die Aufnahmefeiern in die Hitlerjugend statt. „Blutzeugen“ bedeutete, dass die Putschisten die Treue zum „Führer“ und zur nationalsozialistischen Bewegung bis zur Aufgabe ihres Lebens bekannt hätten. München hatte deshalb den nationalsozialistischen Ehrentitel „Stadt der Bewegung“. Mit der gleichrangigen Einbindung der Namen der im 1. Weltkrieg gefallenen Schüler erklärte der Rektor auch sie zu „Blutzeugen“: Sterben, damit Deutschland leben könne.
Die einzelnen Stockwerke des Schulgebäudes ließ der Rektor mit Bildern und Wandsprüchen gestalten. So gab es das Stockwerk „Adolf Hitler und die Jugend“, das Stockwerk „Volk und Heimat“ und das Stockwerk „Das wehrhafte Deutschland“. Das schulische Ambiente präsentierte als geistig-pädagogische Grundidee, was die rektoralen Selbstzeugnisse der Schulchronik in kaum variierenden Wiederholungen mitteilen: Die Schule hatte zur Unterwerfung und zur Bereitschaft zu erziehen, das Leben für jenen hinzugeben, dessen Büste am Morgen die Schüler begrüßte.

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Janine Burnicki/Jürgen Steen, Historisches Museum  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003