„Mein Hab und Gut“ – eine „deutsche“ Wohnung im 3. Reich

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Nach dem ersten allierten Großangriff auf eine deutsche Großstadt, am 31. Mai 1942 auf Köln forderte die NSDAP die Volksgenossen auf, vorsorglich den Wert ihrer Haushalte zu erfassen. Sie ließ ein entsprechendes Formular mit dem Titel „Mein Hab und Gut“ auflegen, dessen Kleingedrucktes empfahl, ein Exemplar der Aufstellung zusammen mit Fotografien des Mobiliars im Luftschutzkoffer zu bewahren. Die Aufstellung war von zwei Zeugen zu beglaubigen.

Erste Seite des Formulars „Mein Hab und Gut“, Besitznachweis des Haushalts Wilhelm Schreiber, datiert 18. August 1942

Vierte Seite des Formulars „Mein Hab und Gut“, Besitznachweis des Haushalts Wilhelm Schreiber, datiert 18. August 1942

Das Flächenbombardement auf Köln machte schlagartig deutlich, daß der Krieg nicht mehr allein oder überwiegend an den Fronten stattfand, sondern alle, wo immer sie auch im Reichsgebiet lebten, mit allem, was sie in ihrem Leben erworben hatten, bedroht waen. Die empfohlenen Aufstellungen „Mein Hab und Gut“ waren ein psychologischer Trick der Endsieg-Propaganda. Nach dem Endsieg sollten die Aufstellungen als Belege dienen und der Feind sein Zerstörungswerk Wohnung für Wohnung bezahlen. Jeder Betroffene, so wurde suggeriert, hatte eine persönliche Rechnung mit dem Feind. Wilhelm Schreiber zeichnete die Aufstellung seiner Wohnung in der Battonnstraße am 18. August 1942 ab.

Blick in die Battonnstraße auf eines der Häuser, in denen Wilhelm Schreiber mit seiner Familie 1934 eine städtische Wohnung bezog, Fotografie um 1920


Die etwa dreißig Jahre alte städtische Wohnung in der Battonnstraße hatte der städtische Beamte, Mitglied der NSDAP und der SA 1934 mit Ehefrau Lina, Sohn Walter und Schwiegermutter bezogen. Mit vier Zimmern, Diele, Küche, Keller, Balkon und Bad und einer Wohnfläche vom über 100 m² war sie im Vergleich zu den bisherigen beengten Wohnverhältnissen großzügig und Belohnung der nationalsozialistischen Gesinnung. Ebenfalls 1934 hatte die Stadt ihn zum Inspektor befördert und zum Leiter der Abteilung Gebäudekataster im Katasteramt.
Domäne des Hausherrn war das so genannte „Herrenzimmer“, dessen Mobiliar aus Anlass des Einzugs 1934 bei einem Gebrauchtmöbelhändler erstanden worden war. Der zeitgenössische Gebrauchtmöbelmarkt bot aufgrund der Emigration jüdischer Bürger Hochwertiges zu günstigen Preisen. Über dem Schreibtisch waren der Führer und Hermann Göring wenigstens im Bild anwesend. Den Bücherschrank dominierte ein Hakenkreuzwimpel. Neben einem fünfbändigen Brockhaus-Lexikon und einer zwanzigbändigen Goethe-Gesamtausgabe bot er nationalsozialistische Standardwerke wie Hitlers „Mein Kampf“ oder Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“, das große Buch der NSDAP und ein vom Sohn gefertigtes Modell des Panzerschiffes Admiral Scheer. Im unteren Bord war die vermessungstechnische Fachliteratur des Vaters eingestellt. Das über den Bücherschrank gehängte Gemälde des Hitlerschen Anwesens auf dem Obersalzberg, wo der „Führer“ zu entspannen pflegte, hatte ein SA-Kamerad nach einer Postkartenvorlage in Öl gemalt.

Blick in das Herrenzimmer mit Rauchtisch und Bücherschrank im Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie

Der Bücherschrank im Herrenzimmer im Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie


Blick in das Schlafzimmer, Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie

Der Schreibtisch des Vaters im Herrenzimmer mit einem vom Sohn gefertigtem Segelschiff, darüber an den Wänden gerahmte Porträts Hitlers, des Vaters als Soldat, Verwandter und vom Vater geschossener Jagdtrophäen, Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie


Die Ausstattung des Schlafzimmers gehörte zur Aussteuer der Ehefrau und war 1921 anlässlich der Hochzeit angekauft worden. An das Ereignis erinnerte die großformatig abgezogene und gerahmte, in einem Atelier entstandene Fotografie, neben der Tür zum Speisezimmer.

Der Kleiderschrank im Schlafzimmer im Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie

Blick vom Schlafzimmer in das Speisezimmer, links an der Wand ein großformatiges, gerahmtes Hochzeitsfoto, Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie


Das Speisezimmer, links das Klavier, rechts das Buffet, in der Ecke die Standuhr, Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie

Das Klavier im Speisezimmer, Radierungen Frankfurter Stadtansichten als Wandschmuck, darüber ein Hitlerporträt, auf dem Klavier rechts ein Porträt Wilhelm Schreibers als SA-Obersturmführer, Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie


Rauchtisch, Clubsessel, Standuhr, Radiogerät und Schallplattenschrank im Speisezimmer, Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie

Das Buffet im Speisezimmer mit Nippesfiguren, Kristallgläsern und -vasen im Sommer 1942, zeitgenössische Fotografie


Im Speisezimmer hing das Führerporträt über dem Klavier, das für den Sohn, der Klavierstunden erhielt, angeschafft worden war. Auf dem Klavier zeigte das im Format auffälligste Foto den Vater als „Führer“ der SA. Die Beförderung zum Obersturmführer erhielt er 1937. Die Familie besaß eine größere Schallplattensammlung, überwiegend Operettenmelodien und Marschmusik, darunter zum Beispiel „Volk ans Gewehr“ in der Einspielung durch ein SA-Orchester und einen SA-Chor 1933.

Hakenkreuze als Weihnachtsbaumschmuck, Fotografie 1940


Die allgegenwärtige Präsenz des Nationalsozialismus war Bekenntnis und Fiktion eines dem Nationalsozialismus in jeder Facette verpflichteten Lebens. Bekenntnis und Fiktion fanden ihre nicht mehr zu überbietende Zuspitzung in den Hakenkreuzen, die der Vater in den weihnachtlich geschmückten Tannenbaum hängte.

Zusätzliche Stichwörter
Personen:  Adolf Hitler;  

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