Stanislaus Ostermann über den Luftangriff auf Hartmann & Braun

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Beim Alarm begab ich mich in den für mich zuständigen Luftschutzkeller unter dem Gebäudetrakt an der Falkstraße links vom Pförtner. Ich stand neben einem der dortigen Waschbecken und unterhielt mich mit dem gerade von der Ostfront als reklamiert zurückgekommenen Kollegen Hinke, der mir gegenüberstand. Ich fragte den Kollegen, wo es brenzliger sei, an der Ostfront oder hier. Hinke meinte, hier, denn an der Ostfront habe er immer die Möglichkeit als Artillerist gehabt, bei Bombenangriffen oder bei feindlichem Artilleriebeschuß in die Splittergräben zu schlüpfen, die nicht nur sehr guten Schutz gegen Splitter boten, sondern wo man vor allen Dingen nicht ernsthaft verschüttet werden konnte. Dies waren seine letzten Worte, denn in diesem Moment schlug eine Bombe in den Keller, deren Explosion ich nicht mehr wahrnahm, da ich verschüttet und sofort bewußtlos wurde. Ab und zu kehrte mein Bewußtsein jedoch kurzzeitig zurück, wobei ich zunächst das Gefühl des Schwebens hatte und glaubte, es sei Nacht. Später erfaßte ich aber dann doch, daß ich verschüttet war und mich keinen Millimeter bewegen konnte. Ich hatte ein Erstickungsgefühl und ärgerte mich, daß die Bombe mich nicht gleich zerrissen hat, zumal ich glaubte, daß meine beiden Beine oberhalb der Knie abgerissen seien und daß ich ein Auge verloren hätte.
Dann hörte ich plötzlich eine Frau furchtbar schreien und zugleich die Stimme einer anderen Frau, die tröstende Worte sprach. Ich fragte instinktiv nach dem Namen der letzteren. Sie antwortete „Frau Kullmann!“ Dann hörte ich, daß aufgeräumt wurde und lebte in der fürchterlichen Angst, ob ich noch rechtzeitig befreit werden würde! Endlich hatte ich einen Lichtschimmer und wurde aus den Trümmern erlöst. Alles, was ich hier als zusammenhängend geschildert habe, war bestimmt durch wiederholte Bewußtlosigkeit unterbrochen. Wie lange ich unter den Trümmern eingeklemmt gelegen habe, kann ich nicht sagen. Ich kam dann auf einer Tragbahre hinüber ins Straßenbahndepot und später von dort in die Sachsenhäuser Klinik. Nach anschließendem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt in Gießen wurde ich weitgehend wiederhergestellt, so daß ich heute keine Beschwerden mehr habe. Es entspricht den Tatsachen, daß ich noch längere Zeit nach meiner Wiedergenesung meinen einen Fuß beim Gehen nicht ordnungsgemäß anheben konnte. Ich schnallte mir einen Riemen an den Fuß, mit dessen Hilfe ich meinen Fuß beim Gehen jedesmal hochzog.

H & B Firmengeschichtliche Dokumentation 8.2.1944, Bericht Mai 1965, Institut für Stadtgeschichte

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