Die Plünderung moderner Kunst aus dem Städelschen Kunstinstitut

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Museumsfachleute beschäftigte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Frage, ob Museen zeitgenössische Kunst ankaufen sollen. Die Stadt Frankfurt gründete 1906 eine neue Abteilung für moderne Kunst und gliederte diese Städtische Galerie dem Städelschen Kunstinstitut an. Die Abteilung ermöglichte dem Leiter des Städels, Georg Swarzenski, eine Sammlungsstrategie, mit der er in der deutschen Museumslandschaft eine Vorreiterrolle einnahm. Swarzenski war der Auffassung, dass „durch das Zusammenwirken des Städelschen Kunstinstituts und der Stadt alte und neue Kunst zu einer Einheit geworden [sind], wie sie selten zu finden ist.“ Er stellte Pendants alter und moderner Kunst aus und versprach sich davon die Vermittlung des Inhaltlichen eines Kunstwerks. Bewusst vollzog sich die formale Trennung von Städel und Städtischer Galerie für den Besucher kaum sichtbar; sie machte sich hauptsächlich in Bezahlung der Neuerwerbungen bemerkbar.

Meister von Flémalle, Schächer-Fragment, um 1430, Städelsches Kunstinstitut

Max Beckmann, Kreuzabnahme, 1917, ehemals Städtische Galerie, Museum of Modern Art, New York


Swarzenski will die Vielfalt der aktuellen Kunstströmungen und ihre Bezüge zu Alten Meistern deutlich machen. Die Nationalsozialisten hingegen diffamieren die Werke der Avantgarde als „entartete Kunst“. Auch Kunstwerke jüdischer Künstler bzw. Arbeiten mit sozialkritischen oder „jüdischen“ Themen werden verdammt. Jegliches Werk, das dem nationalsozialistischen Verständnis von einer ideologisch geprägten, gegenständlichen, traditionellen Kunst widerspricht, soll aus der öffentlichen Wahrnehmung entfernt werden.
Hierzu greifen die Nationalsozialisten radikal in die Sammlungsstrategie der einzelnen Häuser ein. In mehreren Aktionen plündern sie ab dem 7. Juli 1937 zunächst die öffentlichen Sammlungen, darunter in Frankfurt die Städtische Galerie; private Stiftungen wie das Städel bleiben noch unangetastet. Es folgt jedoch bald die Zerstückelung der kompletten Sammlung zeitgenössischer Kunst im Städelschen Kunstinstitut. Das Haus verliert insgesamt rund 77 Gemälde, 572 Grafiken und 3 Plastiken u. a. von Max Beckmann, Georges Braque, Heinrich Campendonk, Marc Chagall, Paul Gauguin, Erich Heckel, Karl Hofer, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskcar Kokoschka, Franz Marc, Edvard Munch, Pablo Picasso, Karl Schmidt-Rottluff und Vincent van Gogh.

Vincent van Gogh, Bildnis des Dr. Gachet, 1890, ehemals Städtische Galerie

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstbildnis als Soldat, 1915, ehemals Städtische Galerie, Allan Memorial Art Museum, Ohio


Ein Teil der beschlagnahmten Werke wird ab dem 19. Juli 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt und dort durch zynische Kommentare, enge und schiefe Hängung diffamiert, die Künstler als geisteskrank bezeichnet. Die Nationalsozialisten zerstören die entzogenen Kunstwerke anschließend oder verkaufen sie devisenbringend ins Ausland, z.B. im Juni 1939 bei einer Versteigerung in der Galerie Fischer in Luzern.
Zum Zeitpunkt der Beschlagnahmungen ist Georg Swarzenski längst als Generaldirektor der Frankfurter Museen entlassen worden. Seinen Posten muss er am 28. März 1933 zeitgleich mit Fritz Wichert, Guido Schoenberger und anderen Kulturschaffenden räumen. Als Gründe reichen seine jüdische Herkunft sowie der Vorwurf aus, er habe Zugänge „entarteter“ Kunst an die Frankfurter Museen zugelassen. Auch seine Fürsprache zugunsten Max Beckmanns, dessen Kündigung an der Städelschule Swarzenski mit Wichert 1931 verhindern kann, werden ihm nun negativ ausgelegt. Aufgrund der internationalen Bekanntheit des Hauses kann Swarzenski jedoch bis Ende 1937 Direktor des Städels bleiben.
Der neue Generaldirektor, der Parteigenosse und Kunstmaler W. Fahrenbruch, ließ keine Ankäufe moderner Kunst für die Städtische Galerie und das Städel mehr zu. Die entstandene Lücke in der Sammlung des Städelschen Kunstinstituts konnte bis heute nicht gefüllt werden. Fahrenbruchs Nachfolger Ernst Holzinger bemühte sich nach dem Krieg, Teile der verlorenen Kunstwerke wieder in die Sammlung einzufügen. Bis 1966 konnte er jedoch nur sechs Gemälde zurück erwerben.


Literatur
  • Ausst.Kat. „Entartete Kunst“. Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland, Stephanie Barron (Hg.), München 1992
  • Ausst.Kat. ReVision. Die Moderne im Städel 1906-1937, Klaus Gallwitz (Hg.), Ostfildern 1991
  • Hansert, Andreas, Geschichte des Städelschen Museums-Vereins Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1994
  • Nicole Roth, „Entartete Kunst“ in Frankfurt am Main. Die Beschlagnahme der Gemälde im Städel 1936/37. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 191–214
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Magistratsakten 7864 und 7865; Magistratsakten 8098 bis 8100; Magistratsakten 8107

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