Die „Säuberung“ der Städtischen Bühnen

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Erste Aufgabe der am 28. März 1933 eingesetzten kommissarischen Intendanten Hans Geisow und Carl Stueber ist die Säuberung der Städtischen Bühnen. Bereits eine Woche später, am 6. April, liegt eine schwarze Liste mit 17 Namen von Kolleginnen und Kollegen vor, die als Juden, Halbjuden oder wegen politischer Unzuverlässigkeit als fernerhin unerwünscht zu gelten hätten. Die Liste enthältt zu jedem Namen Angaben, die unter Federführung der Betriebszelle der NSBO zusammengetragen worden sind und Denunziationen enthalten, deren Anlässe bis zu zehn Jahre zurückliegen.
Der Intendant der Oper Josef Turnau, der Intendant des Schauspiels Alwin Kronacher, Generalmusikdirektor Hans Wilhelm (William) Steinberg und der Oberregisseur am Schauspiel Fritz Peter Buch waren bereits am 28. März durch Verfügung des Oberbürgermeisters beurlaubt worden. Kronacher durfte die begonnene Inszenierung von Goethes „Faust II“, Premiere am 22. April, beenden. Finanzielle Interessen konnten die rassischen Kriterien außer Kraft setzen. Das Programm nennt den neuen Intendanten Hans Geisow als Regisseur. Kronacher versuchte, sich gegen die Entlassung unter anderem damit zu wehren, dass ihn die kommunistische Arbeiterzeitung als „Faschisten“ bezeichnet habe.

Programm der Römerbergfestspiele 1932

Programm der Römerbergfestspiele 1933


Da die Römerbergfestspiele, die 1932 zum ersten Mal stattgefunden hatten, unbedingt fortgesetzt werden sollten, wurden 1933 die Inszenierungen von 1932 übernommen. Den „Egmont“ hatte 1932 Alwin Kronacher inszeniert. Er wird im Programm 1933 nicht genannt. Statt Lothar Rewalt gab Gerhard Ritter den Wilhelm von Oranien. Ritter war bekennender Nationalsozialist. Durch Arier ersetzt wurden Mathilde Einzig, Kurt Katsch, Milian Rosenkranz und Karl Loewenburg.

Lothar Rewalt (links) als Mephisto, Fotografie Spielzeit 1931/1932


Gegen das Verbleiben des Oberregisseurs an der Oper, Herbert Graf, inszenierte die NSBO eine Misstrauenskundgebung und überreichte bereits am 4. April eine von allen Solisten und vom Chorpersonal unterschriebene Erklärung, die ihn als Kulturbolschewisten brandmarkte. Graf ging Ende April. Der Schauspieler Lothar Rewalt wurde zum 28. April beurlaubt, weil an diesem Tag die letzte Vorstellung eines völkischen Zeitstückes gegeben wurde, in dem er eine der Hauptrollen spielte. Der Autor des Stückes war Mitarbeiter von Goebbels. Es gab keinen Schauspieler, der Lothar Rewalt hätte ersetzen können. Die vorzeitige Absetzung eines der (noch) wenigen Stücke im Spielplan von 1933, die das neue, nationalsozialistische Volkstheater tragen sollten, kam nicht in Frage. Lothar Rewalt spielte mit.
Aus politischen Gründen wird im März 1933 Fritz Peter Busch, Oberregisseur am Schauspiel, beurlaubt. Jakob Geis, der an Stelle von Kronacher die Leitung der „Egmont“-Aufführung 1933 übernommen hat, wird im Verlauf des Jahres aus politischen Gründen entlassen. Grund ist die „Tendenz nach der kommunistischen Weltanschauung hin“ und die Behauptung, er habe jüdische Schauspieler bevorzugt. Hans Erl, dessen im August 1933 auslaufenden Vertrag Turnau nicht verlängern wollte, kündigt die Stadt erneut.

Hermann Schramm als David in Wagners „Meistersingern“, Fotografie Spielzeit 1925/1926

Porträt Richard Breitenfelds im Frankfurter Theateralmanach 1917


1936 beschwert sich die NSDAP-Ortsgruppe Dornbusch, der 1933 pensionierte Hermann Schramm führe immer noch den Titel „Ehrenmitglied der Städtischen Bühnen“ und besitze außerdem ein Telefon. Richard Breitenfeld, seit 1926 in Pension, muss um seine Pension nicht zu gefährden, einen Revers unterschreiben, dass er sich nie politisch betätigt und niemals Beziehungen zur SPD unterhalten habe.

Mathilde Einzig (dritte von links) mit ihrer Familie auf dem Deck des Schiffes, das sie nach Palästina bringt, Fotografie 1934


Mathilde Einzig ist 1933 geschützt, weil sie vor 1914 verpflichtet worden ist. Sie tritt für eine Abfindung zurück, mit der sie die Emigration der Familie nach Palästina finanziert. Magda Spiegel gehört zu den wenigen, deren Vertrag bis 1935 verlängert wird. Dann bleibt ihr als letzter Ausweg die Beantragung der Pensionierung aufgrund von Berufsunfähigkeit. Der städtische Personaldezernent verweigert Benno Ziegler die Pensionszahlung, da er jung genug sei, sich um einen neuen Beruf zu kümmern. Kurt Katsch geht an die Bühne des Jüdischen Kulturbundes in Berlin. Im Dezember 1933 gastiert das Ensemble des Berliner Theaters mit Lessings „Nathan der Weise“, das auf deutschen Bühnen nicht mehr gespielt werden darf, im Neuen Theater, das als „jüdisches Theater“ gilt, weil der Besitzer Arthur Helmer jüdische Vorfahren hat. Den Nathan gibt Kurt Katsch, der im April 1933 von den Frankfurter Städtischen Bühnen „als Jude und Marxist“ entlassen worden war. Am 23. Juni 1935 gibt Else Gentner-Fischer, in den zwanziger Jahren als Primadonna auch international gefeiert, die ihr aufgezwungene Abschiedsvorstellung.

Kurt Katsch, Fotografie um 1930



Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;   Opernhaus;  
Personen:  Lydia Busch;   Ernst Wolff;  

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  • Weiterführende Hinweise
  • Janine Burnicki/Jürgen Steen, Historisches Museum  

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