Die Zerstörung der Heddernheimer Synagoge

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Die 1850 geweihte Heddernheimer Synagoge wurde am Vormittag des 10. November 1938 aufgebrochen, die Fenster demoliert, der Thoraschrein gewaltsam geöffnet, die Rollen zerrissen und zerstreut, die Kultgeräte zerschlagen und zertrampelt. Das Geschehen dauerte nur wenige Minuten. Das Stadtarchiv teilte am 15. November im Zusammenhang mit der Anordnung des Oberbürgermeisters zur Sicherstellung von jüdischen Archivalien mit, das Synagogengebäude sei vernagelt.

Ansicht der Heddernheimer Synagoge, Fotografie um 1940


Dank eines Prozesses nach 1945 ist der Ablauf der Zerstörung der Synagoge in seinen Einzelheiten bekannt und konterkariert die Behauptung des Gaupressedienstes der NSDAP vom 11. November 1938, die Zerstörung der Synagogen und der jüdischen Geschäfte sei eine „von allen Bevölkerungsschichten getragene mitreißende Demonstration“ gewesen.
Paul Varst erhielt am Morgen des 10. November gegen 8.30 Uhr an seinem Arbeitsplatz einen Anruf der Frankfurter Kreisleitung der NSDAP mit dem Befehl „einen Trupp von zwanzig ruhigen (!) Männern“ aus den Mitarbeitern des Betriebes zusammenzustellen und in Richtung Innenstadt zu marschieren. Varst teilte den Männern mit: „Wir werden jetzt einen Spaziergang durch die Stadt machen und Volk spielen.“ Nachdem die Parole „Deutschland erwache, Juda verrecke!“ als Sprechchor geprobt worden war, zog das für den Betriebsalltag zivil gekleidete Rollkommando los.
In der Nähe der Hauptwache erhielt der SA-Mann den Befehl zur Zerstörung der Heddernheimer Synagoge und jüdischer Geschäfte. Für die Fahrt dorthin stand ein LKW bereit. Die Fahrt nach Heddernheim auf der Eschersheimer Landstraße wurde in Höhe des Holzhausenparks unterbochen, um ein Zigarettengeschäft zu demolieren. In der Heddernheimer Kirchstraße verwüstete das Kommando die Metzgerei May. Dann dirigierte Varst seinen Trupp zur wenige Schritte entfernten Synagoge.
Auf der Rückfahrt nutzte Varst, der in der Heddernheim benachbart liegenden Römerstadt wohnte, die für ihn günstige Gelegenheit, einer in seiner Nachbarschaft wohnenden Familie eines jüdischen Arztes die Fensterscheiben mit Ziegelsteinen einwerfen zu lassen. Er selbst blieb zurück, weil er nicht erkannt werden wollte.
Die Kreisleitung der NSDAP organisierte das Frankfurter Pogrom. NSDAP und SA sollten als Drahtzieher und Marodeure nicht auffällig werden. Dies steht im Gegensatz zum Bekennertum der frühen Jahre des 3. Reichs, zum Beispiel des Boykotts am 1. April 1933, dessen NS-Bezeichnung als Tag des organisierten Boykotts schon deutlich gemacht hatte, dass im Zusammenhang der von der SA durchgeführten Aktionen „Volkszorn“ oder „mitreißende Spontaneität“ unerwünscht waren.
Noch lange nach 1945 waren viele Frankfurterinnen und Frankfurter davon überzeugt, dass „Auswärtige“, also Nichtfrankfurter, die Täter waren. Tatsächlich wohnten die Marodeure überall dort, wo nicht Ortsgruppen der Partei unaufgefordert zum Pogrom schritten, nur nicht in den betroffenen Stadtteilen. Das Ausmaß der Zerstörungen des Novemberpogroms 1938 irritierte ob der „Vernichtung von Volksvermögen“ nicht nur das „einfache Volk“, sondern auch die Spitzen des Regimes. So etwas durfte sich nicht wiederholen. Die Endlösung der Judenfrage hatte „geordnet“, „planvoll“ und bürokratisch abgesichert durch Verordnungen und Gesetze zu erfolgen. Insofern war die Inszenierung und Deutung des Novemberpogroms als eine Art Volksaufstand das richtige Kalkül. Jetzt wurde die „Endlösung der Judenfrage“ systematisch angegangen.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Synagoge Heddernheim;  

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