Die „Säuberung“ der Medizinischen Fakultät der Universität

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Hans Bluntschli, Fotografie um 1914

Am 28. April 1933 teilte der Dekan der Medizinischen Fakultät dem Ordentlichen Professor für Anatomie, Hans Bluntschli, und zahlreichen anderen Mitgliedern der Fakultät mit: „Der geschäftsführende Vorsitzende des Kuratoriums hat mich als Dekan der Medizinischen Fakultät beauftragt, einzelnen von ihm bezeichneten Mitgliedern der Fakultät, darunter auch Ihnen, den Rat nahezulegen, in Anbetracht der gegenwärtigen Einstellung der Studentenschaft auf Abhaltung der von ihnen angekündigten Vorlesungen und auf den Anschlag am Schwarzen Brett verzichten zu wollen.“ Ob bewußt oder naiv unterstützte der Dekan die sich anbahnende Säuberung der Fakultät. Der Schweizer Staatsbürger Bluntschli bot Angriffsflächen, weil er aus seinen demokratischen Überzeugungen keinen Hehl machte. Ihm wurde bedeutet, die NSDAP habe Material gegen ihn gesammelt. Bluntschli verliess noch im Jahre 1933 Deutschland.

Im Klartext hieß die Empfehlung des Dekans, dass vor allem jüdische Dozenten, die von ihrem Recht auf Lehre Gebrauch machten, an möglichen Störungen ihrer Vorlesungen selbst Schuld seien. Nicht betroffen war Julius Strasburger, der Leiter der Poliklinik und des Instituts für Physikalische Therapie. Er erfuhr jedoch im Mai 1934, dass er einen jüdischen Großvater hätte, was in der Tradition der Familie völlig in Vergessenheit geraten war. Treibende Kraft war der Bad Homburger Bäderarzt Heinrich Lampert, der das Institut für Physikalische Therapie übernehmen wollte. Bei der recht langen Suche nach „Belastendem“ war er schließlich fündig geworden.

Werner Lipschitz, Fotografie um 1930

Oskar Gans, Fotografie um 1930



Albrecht Bethe, Fotografie um 1914


Der Pharmakologe Werner Lipschitz wurde von seinem Schüler und Assistenten Hans Girndt, der die Leitung des Instituts übernehmen wollte, denunziert, unter anderem mit der Behauptung, Lipschitz habe Hitler beleidigt. Da Lipschitz im 1. Weltkrieg Frontsoldat gewesen war, war er durch den Frontkämpferparagrafen geschützt. Die Denunziationen, die der Kurator August Wisser als glaubwürdig einstufte, führten zu seiner Entlassung. Girndt wurde mit der Vertretung der Institutsleitung und der Lehrtätigkeit beauftragt.
Franz Volhard wurde 1938 zwangspensioniert. Die Anschuldigungen, er habe früher einmal ein Zirkular gegen den Antisemitismus unterschrieben, einer seiner Söhne habe eine Jüdin geheiratet und er sei für jüdische Kollegen eingetreten, wurden für den Zweck gezielt zusammengetragen.

Oskar Gans widmete sich in der Emigration, unter anderem durch die IG Farben unterstützt, der Lepraforschung. 1949 kehrte er auf seinen Lehrstuhl zurück. Als Dekan und Rektor engagierte er sich im Wiederaufbau des Klinikums. Albrecht Bethes Hauptarbeitsgebiet, die Überbrückung großer Nervendefekte, betraf eine der Folgen des 1. Weltkriegs: die verheerende Zahl von Invaliden mit gravierenden Beschädigungen des Nervensystems. 1937 gehörte er zu jenen emeriti, die aus dem Vorlesungsverzeichnis gestrichen wurden, weil sie die Alternative, die Scheidung von der als „Jüdin“ verfolgten Ehefrau, ablehnten.

Anzeige des entlassenen Privatdozenten Franz Hermann im „Israelitischen Gemeindeblatt“

Anzeige des entlassenen Privatdozenten Hans Strauss im „Israelitischen Gemeindeblatt“


Jüngere Ärzte suchten über die Gründung einer privaten Praxis ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Medizinische Fakultät;   Emeriti;  

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  • Jürgen Steen, Historisches Museum  

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