Die „Säuberung“ der Philosophischen Fakultät der Universität

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In der Philosophischen Fakultät war der Anteil der „nur“ aus politischen Gründen vertriebenen Dozenten weitaus am höchsten: Die Vorlesungen des Karl Mennicke, Kurt Rheindorfs, Paul Tillichs und Kurt Riezlers wurden massiv gestört. Max Horkheimer war als Jude und politischer Gegner verhasst.

Max Horkheimer, Fotografie um 1930


Der Großteil der Säuberungen erfolgte unter Anwendung des Arierparagrafen. Während im Öffentlichen Dienst der Frontkämpferparagraf bis 1935 schützte, wenn Betroffene zum Beispiel Schreiben eines Vorgesetzten im Weltkrieg oder Dokumente vorlegen konnten, die ihnen soldatischen Mut bescheinigten, suchten Universitätsleitung und NSDStB in solchen Fällen gezielt nach anderen Gründen, zum Beispiel politischen Äußerungen gegen Hitler oder den Nationalsozialismus, um das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums anwenden zu können. Nur wenige Jüngere, wie der Privatdozent wie Kunsthistoriker Guido Schoenberger konnten bis 1935 im Amt bleiben, auch begünstigt durch das „Klima“ in kleinen Instituten ohne nationalsozialistische „Mehrheiten“.

Als letzter wurde der Völkerkundler Adolf Ellegard Jensen 1940 wegen Ehe mit einer Jüdin entlassen. 1939 verlor Erwin Rousselle die Lehrbefugnis für Sinologie, weil (erst jetzt) bekannt wurde, daß er vor 1933 Mitglied einer Loge gewesen war.

Martin Buber, Fotografie um 1920

Paul Tillich, Fotografie um 1930


Der 1923 erteilte Lehrauftrag an Martin Buber war der erste Lehrauftrag für jüdische Theologie an einer Universität in Deutschland überhaupt gewesen. Der Philosoph des „dialogischen Prinzips“ war zusätzlich verhaßt, weil er lehrte, was nationalsozialistisch als ausgeschlossen galt: Das Zusammenleben von Christen und Juden. Ernst Beutler, seit 1925 Direktor des Freien Deutschen Hochstifts, verlor seinen Lehrauftrag 1937 wegen Ehe mit einer „Jüdin“.

Ernst Beutler 1930

Ernst Kantorowicz, Fotografie um 1930


1936 hatte ihn die NSDAP-Ortsgruppe Altstadt unter anderem wegen Kontakte zu „Juden“ und einer unnationalsozialistischen Einstellung denunziert und gefordert „diesen sauberen Betriebsführer den Weg des Dritten Reiches weisen zu wollen“. Georg Swarzenski blieb bis 1937 Direktor des Städelschen Kunstinstituts, weil es als Stiftung privatrechtlich verfasst war - ähnlich dem Hochstift, dessen Leitung Beutler bis 1945 behielt.
Da er von der neuen Leitung der Johann Wolfgang Goethe-Universität keinerlei Untersützung erfuhr, stellte der Mittelalterhistoriker Ernst Hartwig Kantorowicz mit Datum des 20. Aprils 1933 einen Antrag auf Beurlaubung für das Sommersemester. Der Beginn des Semesters war auf den Geburtstag des Führers verlegt worden.
Als Weltkriegssoldat konnte Kantorowicz den Frontkämpferparagrafen für sich in Anspruch nehmen. Mit Beginn des Wintersemesters 1933/34 kam es jedoch zu neuen massiven studentischen Störungen. Verwarnt vom Rektor wurden einige seiner Studenten, die in einem offenen Brief an den Reichserziehungsminister gegen die Störungen protestiert hatten. Da der Rektor sich außerstande sah, für eine störungsfreie Vorlesung zu sorgen, ließ Kantorowicz sich erneut beurlauben. Zum 1. November 1934 wurde er entpflichtet.
Als Weltkriegssoldat und studentischer Freikorpskämpfer konnte Kantorowicz auf eine in nationalsozialistischen Augen hochrangige Vita verweisen. Der NSDStB, der Ende April 1933 reichsweit erklärt hatte, „Juden könnten weder deutsch denken, noch deutsch handeln“, weil die Rasse auch das Denken und Handeln bestimme, sorgte für die Entfernung des Historikers. Es konnte nicht sein, was ideologisch nicht sein durfte: ein nationaldeutsch gesinnter Jude.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Philosophische Fakultät;   Spartakus-Bund;   Räterepublik;  

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