Die Widerstandsgruppe St. Gallen bis zum Beginn des 2. Weltkrieges

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Zum Kern der 1933 von Anton Döring in St. Gallen gegründeten Widerstandsgruppe gehörten die Frankfurter Gewerkschaftssekretäre August Faatz und Peter Fischer. Ziel ist der Aufbau freier Gewerkschaftsgruppen in den Betrieben. Als illegale Zeitung entsteht „Der Funke. Informationsorgan der Freien Gewerkschaften Süddeutschlands“, die alle sechs bis acht Wochen fertig gestellt wird. An die Verteiler im Reich werden die Negative der schreibmaschinell hergestellten und fotografisch reproduzierten Seiten gesandt. Eine Zeitlang finden Kaffeekannen mit doppeltem Boden Verwendung.

Anerkennung als politischer Flüchtling für Paul Müller, datiert 27. Oktober 1934


Die Mitglieder der Gruppe werden dank der Solidarität Schweizer Gewerkschafter und Sozialdemokraten bereits nach kurzer Zeit als politische Flüchtlinge anerkannt. Sie helfen auch materiell. Verbindungen nach Frankfurt am Main müssen nicht neu geknüpft werden. Hans Lutz, im September 1933 von der AOK aus politischen Gründen entlassen, kommt noch im Herbst mit dem Fahrrad nach St. Gallen. Bis 1938 kommt er insgesamt neunmal. Zu Anfang bringt er Unterstützungsgelder und Kleidung mit, die er in Frankfurt gesammelt hat. Ostern 1934 besuchen per Fahrrad Paul Müller mit Ehefrau Martel die ehemaligen Frankfurter Kollegen in ihrer Vierzimmerwohnung in St. Gallen. Paul Müller, der sich als Gewerkschaftssekretär hat „gleichschalten“ lassen, versteht sich als Verbindungsmann zwischen Widerstandsgruppen in Frankfurt. Die Fahrt ist als Urlaub getarnt. Anton Döring, die treibende Kraft der ersten Jahre, berichtet an die SOPADE, es gäbe in Frankfurt vier Verteilerkreise für den „Funken“.
Hans Lutz und Georg Bender, der den Tarnnamen „Ludwig“ angenommen hat, übersenden Berichte zur Situation in Frankfurter Betrieben, die für den „Funken“ ausgewertet werden. Sie sind mit einer Stärkelösung geschrieben, die bei Erwärmung sichtbar wird. Georg Bender arbeitet in den Adler-Werken und hat Verbindungen zu den Farbwerken Hoechst, zum Ausbesserungswerk der Reichsbahn in Nied und zu den Opel-Werken in Rüsselsheim, wo auch Arbeiter beschäftigt sind, die in Frankfurt wohnen. Im Juli und Dezember 1937 kommt er nach St. Gallen.

Kopf und Seite 3 der „Afa-Nachrichten“ Nr. 5, 1935


In St. Gallen interessieren politische Haltung und Solidarität der Belegschaften, die Lohnentwicklung und das Verhältnis zur DAF, verbunden mit dem Ziel, auf den klassischen Feldern gewerkschaftlicher Politik wie Lohn und Arbeitszeit Druck auf die DAF aus zu üben, die die Existenz spezifischer Arbeitnehmerinteressen rigoros in Abrede stellt.

Im Oktober 1934 müssen Paul und Martel Müller, im Oktober 1935 Carl Tesch, wenige Wochen später seine Verlobte Margot Weyel, aus Frankfurt fliehen und stoßen zur Gruppe. Als Beilage zum „Funken“ redigiert Paul Müller ab Oktober 1935 die Afa-Nachrichten. Leitthemen sind Eigenständigkeit der gewerkschaftlichen Widerstandsarbeit und die Überwindung der Gräben zwischen sozialistischen und kommunistischen Gewerkschaften.

1938 besucht Johanna Tesch, die Mutter Carls, die Gruppe und bringt Unterstützungsgelder mit, die in Frankfurt gesammelt worden sind. Dort enttarnt die Gestapo die von Hans Lutz, Georg Bender und Otto Meyer geleiteten Verteilerkreise. Am 17. März 1938 werden Georg Bender und seine Ehefrau Helene verhaftet. Der dreijährige Sohn bleibt bei der Großeltern. Helene Bender stirbt in der Untersuchungshaft, offiziell durch „Selbstmord“. Zu den Verhörtaktiken der Gestapo gegenüber Müttern gehört die Drohung, ihnen das Kind wegzunehmen, falls sie nicht alles sagten, was sie wüssten. Zwischen der Liebe zum Kind und der Liebe zum Ehemann zu trennen ist eine barbarische, menschenverachtende Forderung, der Tod durch eigene Hand ein Ausweg. Hans Lutz, Georg Bender und Otto Meyer werden vom Volksgerichtshof zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.
In der St. Gallener Gruppe gewinnen die Mitglieder an Einfluss, die die Ausrichtung der Widerstandsarbeit auf die klassische gewerkschaftliche Basisarbeit als zu eng empfinden. Die Gruppe gibt sich ein neues Programm: Interne politische Schulung, Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen im Reich und im Ausland, mit Parteien und Gewerkschaften im Ausland, Heraus- und Weitergabe von Informationsmaterial, Aufklärung der Schweizer Bevölkerung, Unterstützung, Gründung, Mitarbeit in Hilfsorganisationen für Verfolgte im Reich und in der Schweiz, Vertretung der Interessen der politischen Flüchtlinge in der Schweiz, Einrichtung einer Selbsthilfeorganisation. Letzte Aktion vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieg ist die Verteilung eines Flugblattes an die deutschen Besucher der Schweizer Landesausstellung 1939. Die Landesausstellung findet alle 25 Jahre als Selbstpräsentation der Schweiz statt und mit großem Interesse in Deutschland ist zu rechnen.

Titelseite des Flugblattes für die reichsdeutschen Besucher der Schweizer Landesausstellung in Zürich 1939

Seite des Flugblattes für die reichsdeutschen Besucher der Schweizer Landesausstellung in Zürich 1939


Seite des Flugblattes für die reichsdeutschen Besucher der Schweizer Landesausstellung in Zürich 1939

Seite des Flugblattes für die reichsdeutschen Besucher der Schweizer Landesausstellung in Zürich 1939

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