Lotte Schmidt über ihre Besuche bei ihrer Mutter Johanna Kirchner im Saarland

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Als Tochter besuchte ich natürlich meine Mutter öfters im Saarland. Aber zu dieser Zeit, so etwa Anfang 1934, ist eben auch versucht worden, möglichst viel Material unter den SPD-Genossen und -Sympathisanten hier im Reichsgebiet zu verteilen. Die meisten dieser Materialien kamen aus dem Ausland, obwohl natürlich auch hier bei uns illegale Zeitschriften, Rundbriefe usw. hergestellt und verteilt wurden. Mein Schwager Arnold Leetz ist ja auch 1934 im Zusammenhang mit einer ZdA-Publikation verhaftet worden, wofür er drei Jahre Zuchthaus bekam. Von den Besuchen bei meiner Mutter habe ich teilweise selber solche im Ausland hergestellten Materialien mit nach Frankfurt gebracht. Meistens waren das ganz kleine Zeitungen, die man in einer Streichholzschachtel unterbringen konnte. Wenn man sich als junges Mädchen, das ich ja damals war, etwas freundlich mit dem Zollbeamten unterhalten hat, wurde man eben etwas weniger kontrolliert. Wenn man diese Sachen halt unter ein bißchen Schokolade versteckt hat, konnte man bei der Kontrolle sagen, die hat man geschenkt bekommen, weil man eben gerne Schokolade ißt. Ab und zu habe ich auf diese Weise auch Gewerkschaftsmaterialien, im Kleinformat hergestellte Schriften, Flugblätter und Tarnschriften nach Frankfurt gebracht, die von der internationalen Gewerkschaftsbewegung kamen und in denen also auch Anweisungen für die Gewerkschaftsarbeit bzw. für die Versuche zur Reorganisierung von Betriebsarbeit enthalten waren.

Aber das Wichtigste dabei waren natürlich teilweise die Sachen, die man im Kopf behalten mußte. So habe ich verschiedene Informationen des Saarländer SPD-Büros an Frankfurter Genossen ausgerichtet, umgekehrt aber auch mündlich Nachrichten von hier nach draußen geleitet. Dinge, die der SPD-Exilvorstand wissen mußte, habe ich gleich meiner Mutter mitgeteilt. Das waren Stimmungsberichte über Aktivitäten, die hier los waren, Informationen darüber, wo sich irgend etwas an illegaler Arbeit geregt hat, ebenso aber auch Meldungen über erfolgte Verhaftungen; die Meldungen über erfolgte Verhaftungen waren aus dem Grunde besonders wichtig, damit kein anderer Genosse diese geplatzte Adresse anläuft und dann auch hochgeht.

Umgekehrt habe ich Nachrichten aus dem Saargebiet zurückgeleitet, die der Arbeit hier galten, was die Genossen hier in Frankfurt und Umgebung tun sollten. Dabei waren auch Materialien und Mitteilungen darüber, welche Aktivitäten an anderen Orten entwickelt wurden, damit man wußte, es gibt z. B. in Berlin und an was weiß ich nicht für Orten ähnliche Aktivitäten.

Bei diesen Reisen, die ich als Tochter zu meiner Mutter unternahm und bei denen ich gleichzeitig auch als Kurierin für Materialien und Nachrichten fungierte, bin ich glücklicherweise niemals aufgefallen. In umgekehrter Richtung habe ich diese illegalen Materialien und Informationen an verschiedene Frankfurter Genossen geleitet, die ich gar nicht kannte. Ich bekam nur gesagt, dem und dem, an den muß ich diese Sachen weitergeben. Natürlich habe ich die erste Anlaufstelle immer gekannt. Mir wurde da beispielsweise gesagt: „Das ist für den Otto!“ Aber wer der Otto im Saargebiet war, das wußte ich damals nicht. (...) Was man nicht wußte, das konnte man bei einer eventuellen Verhaftung auch nicht sagen.

Aus: Hessische Gewerkschafter im Widerstand 1933–1945, S. 239 f.

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