Lotte Schmidt über die Begegnung mit ihrer Mutter Johanna Kirchner im Frankfurter Polizeigefängnis

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Im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen meine Mutter wurde ich selbst im Herbst 1942 verhaftet. Im Laufe der ganzen Jahre des Faschismus hatte ich drei Verfahren wegen Hochverrat, eines wegen Landesverrat und eines wegen „Rassenschande“, da ich noch bis 1941 bei einem jüdischen Arzt gearbeitet habe. Jedesmal hatte ich aber Glück gehabt. Dieses Mal kam ich ins Frankfurter Polizeigefängnis (...), und zwar in eine Zelle zusammen mit über 40 anderen, obwohl sie nur für 15 Gefangene berechnet war. Dennoch war ich ein Ausnahmefall, weil ich eine Pritsche für mich allein bekam, was ganz selten war. Mir und meiner Schwester wurde vorgeworfen, daß wir meiner Mutter illegales Material übergeben und Nachrichten übermittelt hätten und so die Verbindungen der SPD zunächst zwischen dem Saargebiet und dann von Frankreich nach Deutschland hergestellt hätten.

Plötzlich hörte ich eines Abends draußen vor meiner Zelle eine Wärterin fürchterlich schreien: „Schmidt, Lotte! Rauskommen!“ Ich hab’ schon gedacht: „Jetzt geht’s also los“ und Gott, wer weiß was. Dann sagte sie: „Komm, schnell, schnell, schnell! Die Treppe rauf in den 2. Stock!“ Ich wußte überhaupt nicht, was mir geschah. Ich dachte, das gibt ‘ne Vernehmung oder sonst irgendwas Schreckliches. Dann schloß sie eine Zelle auf und sagte wieder: „Macht schnell, macht schnell!“ Als ich in der Zelle drin war, saß dort meine Mutter, die genauso überrascht war, mich zu sehen, wie ich überrascht war, sie zu sehen. Da ich überhaupt nicht wußte, wer die Wärterin war, hab’ ich angenommen, das wäre eine Finte und hab’ meiner Mutter nur ins Ohr geflüstert, daß ich wegen ihr hier wäre, und hab ihr auch kurz geschildert, daß ich ausgesagt hätte, alles, was sie angegeben hätte darüber, was ihre Töchter ihr angeblich mitgeteilt hätten, daß das wahrscheinlich nur Angabe gewesen wäre. Meine Mutter sagte mir daraufhin, daß sie dasselbe ausgesagt hätte. Und wir haben uns in einer Viertelstunde natürlich viele Dinge erzählt, das ist selbstverständlich. Meine Mutter hat mir bei dieser Gelegenheit aber auch gesagt, ich könnte dieser Wärterin vertrauen, wenn irgend etwas wäre. Das sei eine alte SPD-Genossin, die sie von früher her kennen würde. Diese Wärterin war die Luise Wetzel, die ich dann nach 1945 in Bornheim wieder bei der SPD gefunden habe. Es war ganz unwahrscheinlich, was diese Frau auf sich genommen hat. Das war auch eine Form von Widerstand – wirklich enorm!

Es war unwahrscheinlich viel Wert, daß wir uns aussprechen konnten. Meine Mutter befand sich gerade auf Transport von Saarbrücken nach Berlin zum 1. Prozess. Vielleicht habe ich es diesem Umstand zu verdanken, daß ich nach 13 Tagen wieder aus der Haft entlassen wurde.

Aus: Hessische Gewerkschafter im Widerstand 1933-1945, S.269 f.

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