Lore Wolf über ihre Begegnung mit Johanna Kirchner im Gefängnis Berlin-Moabit

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Eines Tages treffe ich Johanna Kirchner. Ich bin sehr erschrocken, als ich die blasse, vollkommen abgemagerte Frau wiedertreffe. Ich habe nicht erwartet, sie hier zu sehen. Als sie mich erkennt, fällt sie mir um den Hals und weint. „Auch du hier?“ schluchzt sie. Ja, auch ich. Und viele andere, die sie und ich aus den Jahren der Emigration und der Tätigkeit für die Rote Hilfe kennen.

In den Gefängnissen und Zuchthäusern Deutschlands begegnen wir uns. Ich habe nicht gewußt, daß es solche Arten von Wiedersehen geben kann. Die, mit denen man lange Jahre gearbeitet, gelebt, gekämpft hat, die man so gut kennt, weil sie Mitverschworene eines zähen Ringens um Freiheit sind, sieht man wieder und weiß, daß es vielleicht das letzte Mal ist. Die Begegnung ist glücklich und furchtbar zugleich. Es ist ein Gemisch aus freudigem Wiedererkennen und bitterer Gewißheit, daß man uns alle aus gleichem Grund töten wird. Und daß immer mehr eingefangen und verurteilt werden.

Als ich Johanna behutsam am Arm führe und sie manchmal den Kopf seitwärts neigt und mich anlächelt, froh, einen Menschen gefunden zu haben, der von ihr weiß, ahnen wir beide nicht, daß sie ein Jahr später nicht mehr am Leben sein würde. Jetzt, in diesem Sommer, hatte der Prozeß noch nicht stattgefunden. Sie war noch nicht verurteilt. Sie hoffte noch.

Ich kannte sie lange, seit meiner Kindheit. Wir waren in einer Stadt aufgewachsen, seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war ich mit der ganzen Familie Kirchner befreundet. Der Ehemann Johannas, Karl Kirchner, war Kommunalpolitiker der SPD, Stadtverordnetenvorsteher in Frankfurt am Main und mein Chef im Rathaus. Er war es, der mich schon früh veranlaßte, der Gewerkschaft und der Naturfreundebewegung beizutreten. Wir wanderten zusammen, demonstrierten gemeinsam in der turbulenten Zeit der zwanziger Jahre, feierten Familienfeste und vor allem den 1. Mai.

So verband uns gemeinsames Erleben, gemeinsamer Kampf für die Interessen der Werktätigen. Johanna war eine hübsche, lebhafte, intelligente Frau. Die Grübchen in den Wangen erhöhten ihren Liebreiz. Von Natur aus gutmütig, konnte sie doch sehr energisch werden, wenn es galt, die Rechte der arbeitenden Menschen zu verteidigen. (...) Am 2. Juni 1942 begann ihr Leidensweg durch die Hölle der Gestapo-Vernehmungen, die aus der schönen jungen Frau ein mageres, fahlgesichtiges Wesen machten, von dem man nicht mehr wußte, wie alt es war.

Jeden Tag sah ich sie nun eine kurze Stunde, wir turnen im Innenhof des Gefängnisses zusammen, ich gehe neben ihr, wenn wir den vorgeschriebenen Kreis ablaufen. Wir halten die Köpfe hoch, legen sie manchmal in den Nacken, um soviel wie möglich Luft einzuatmen und die Lungen damit zu versorgen. Gesund zu bleiben ist unsere wichtigste Aufgabe. Immer mehr Frauen werden eingeliefert. Moabit füllt sich. (...)

Aus: Arbeiterjugendbewegung in Frankfurt 1904 –1945, S. 93 f.

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