Die Widerstandsorganisation der KPD

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In Frankfurt am Main waren die Verhaftung des Bezirksvorsitzenden Albert Kuntz am 12. März 1933 und das gleichzeitige Verbot der „Arbeiterzeitung“ deutliche Zeichen, dass es der Nationalsozialismus mit seiner Vernichtungspropaganda gegenüber dem Kommunismus ernst meinte. Die KPD ging im Frühjahr 1933 davon aus, dass der Nationalsozialismus in absehbarer Zeit an seinen Widersprüchen scheitern und sich die revolutionäre Entscheidungssituation ergeben würde, in der nur eine straff organisierte KPD den kommunistischen Führungsanspruch wahrnehmen könne. Deshalb überführte sie relativ rasch ihre zentralistische und bürokratische Struktur, in die auch die kommunistischen Nebenorganisationen Rote Hilfe, RGO und KJVD eingebunden waren, in den Untergrund.
Für den KPD-Bezirk Hessen-Frankfurt, der von Aschaffenburg über Mainz, Wiesbaden, Bad Kreuznach und Limburg bis Fulda reichte, bedeutete dies – wie für alle anderen KPD-Bezirke auch –, dass Ausweichquartiere gefunden, die örtlichen Leitungsfunktionen dezentralisiert, Schreibmaschinen und Vervielfältigungsapparate an sicheren und geschützten Standorten aufgestellt , Kurierdienste eingerichtet und „illegale“ Wohnungen vor allem für die führenden und somit bekannten Genossen beschafft werden mussten.
Die ausgeprägte Solidarität mit der Partei bewährte sich in der Bereitschaft einfacher Mitglieder, Genossen, die in den Untergrund gingen, in ihren Wohnungen aufzunehmen, wobei Tarnnamen für die Genossen und plausible Geschichten gefunden werden mussten, die sowohl die Organisation als auch die unterstützungswilligen Mitglieder schützten, falls Untermieter und Unterkunft erkannt wurden. Schulungen des Verhaltens gegenüber Staatsapparat und Polizei und Möglichkeiten der Verteidigung vor Gericht führten Juristen wie Wolfgang Abendroth durch, der sich auch der Roten Hilfe zur Verfügung stellte. Die Arbeit im Untergrund setzte notwendig voraus, dass sich die einzelnen Mitglieder blind aufeinander verlassen konnten. Um die Sicherheit abgetauchter Genossinnen und Genossen sowie der gesamten Widerstandsstruktur nicht zu gefährden, trennte man sich von als unzuverlässig eingeschätzten Mitgliedern. Als unzuverlässig galten nicht nur jene, denen offensichtlich konspiratives Verhalten fern lag, sondern auch jene Mitglieder, die die Strategie der Massenmobilisierung aus der Illegalität heraus nicht kritiklos mittrugen.
Basis der „illegalen“ Organisation wurden Straßenzellen mit höchstens 25 Mitgliedern und einem Sekretariat bestehend aus einem politischen Leiter, einem Organisationssekretär, einem Zuständigen für Agitation und einem Kassierer. Die Zellen unterstanden den Stadtteilleitungen. Sie führten die eingesammelten Mitgliedsbeiträge an die Bezirksleitung ab. Von der Bezirksleitung kamen Anweisungen und Agitationsmaterial.
Zwischen Mai und Juli 1933 gelang der Gestapo die Verhaftung aller Mitglieder der ersten „illegalen“ Bezirksleitung, darunter Gretel Roth, deren Sohn Arthur zu Ostern gerade eingeschult worden war. Die Sorglosigkeit gegenüber einer Verhaftung und einer sich daran anschließenden Gefängnis- oder Zuchthausstrafe zeugte für einen Optimismus, der sich rasch als naiv erweisen sollte. Bis April 1935 zerschlug die Gestapo sieben „illegale“ Bezirksleitungen, deren Angehörige zu stetig steigenden Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Die Gestapo durchschaute den Aufbau der Stadtteilorganisationen: Die verdeckte Beobachtung eines Kassierers führte zu den Mitgliedern einer Zelle. Hinzu kamen Hinweise misstrauischer Nachbarn auf Wohnungen, in denen illegale Schriften hergestellt wurden, die Enttarnung von Treffpunkten und Anlaufstellen und die Einschleusung von Spitzeln. Nach Verhaftungswellen 1934 und 1935 nahm die Gestapo 1936 auf einen Schlag nach eigenen Angaben 296 Personen fest, die zu den Stadtteilorganisationen in Praunheim, Rödelheim, Westhausen, Gallus und Schwanheim gehörten.
1934 soll die KPD in Frankfurt am Main etwa 1.000 Mitglieder gehabt haben. Das Festhalten am bürokratischen Organisationsschema bis etwa 1936 und Erfolge der Gestapo führten zum Ausbluten der Kader. Dass trotz der Verhaftung hunderter von Kommunisten die Reorganisation immer wieder gelang und viele nach Verbüßung ihrer Gefängnis- und Zuchthausstrafen die illegale Tätigkeit wieder aufnahmen, resultierte aus der Überzeugung, dass die kommunistische Idee und die Strategie der Partei richtig waren.

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