Widerstand und Alltag

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Mit Datum des 10. Februar 1933, nur zwei Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, erreichte ein anonymes Schreiben aus Fechenheim die Frankfurter Kreisleitung der Partei, in dem der Denunziant die Namen von 55 Fechenheimern mitteilte, mit Angaben der Berufe, zum Teil der Parteizugehörigkeit und dem Hinweis, die meisten arbeiteten bei Cassella, die die NSDAP „einmal unter die Lupe nehmen“ solle. Die Denunzierten versuchten Nationalsozialisten im Alltag des Stadtteils zu isolieren und die Bevölkerung dazu zu bewegen, in Geschäften mit Nationalsozialisten als Inhabern nicht mehr einzukaufen.
Bei Hans Kampffmayer, der seit 1930 an der Frankfurter Universität studierte, erschienen Anfang Mai 1933 ein Polizist und 18 zu Hilfspolizisten deklarierte SA-Männer zur Durchsuchung der Wohnung. Der Student war Mitglied des SJV und hatte einen Großteil der Studienzeit der politischen Arbeit und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gewidmet. Zuletzt, am 14. März hatte er auf einem Treffen von etwa 100 Jugendlichen aus SAJ, KJVD und SJV im Naturfreundehaus in Mühlheim am Main aus Anlass der fünfzigsten Wiederkehr des Todestages von Karl Marx den Vortrag gehalten. Grund der Razzia war allerdings, das erkannte er aus den Fragen und Bemerkungen des Polizisten, eine Denunziation aus der Nachbarschaft. Kampffmayer hatte Flugblätter, die er verteilte, auch in die Briefkästen der unmittelbaren Nachbarschaft seiner Wohnung gesteckt.
Mit der Etablierung des Nationalsozialismus wird Alltagskonformität wesentliche Bedingung jeder Widerstandstätigkeit. Zur Tätigkeit der Blockwarte gehört die politische Überwachung der Bevölkerung. Ortsgruppenleiter geben Meldungen gebündelt an die Gestapo weiter. Der SD wird vom Sicherheitsdienst in der NSDAP zum Sicherheitsdienst der Partei umstrukturiert. Die Internationalen Berufssekretariate der Transportarbeiter, der Fabrikarbeiter und der Privatangestellten publizieren ein Flugblatt unter dem zur Tarnung verwandten und zugleich das Richtige meinenden Titel: „Willst du gesund bleiben?“, das im Oktober 1933 aus den Niederlanden ins Reich geschleust wird.
Neben Hinweisen zur Organisation einer Widerstandsgruppe betont das auch in Frankfurt am Main verteilte Flugblatt das individuelle Verhalten im Alltag: Unauffälligkeit, Verschwiegenheit auch gegenüber nahen Verwandten, keine Verzeichnisse von Adressen und Telefonnummern, die Verbindungen aufdecken könnten. Die Empfehlung keine „Reliquiensammlungen“ anzulegen, schließt unausgesprochen die Gefährdung durch lebensgeschichtliche Erinnerungsstücke und eine aus der Zeit vor 1933 stammende Bibliothek ein.
Die Entsorgung „verdächtiger“ und „beredter“ Literatur, zu der ihre Besitzer genau deshalb eine libidinöse Beziehung hatten, fiel besonders schwer. Viele packten die Bücher ein und suchten nach Verstecken.
Das Flugblatt betont die „Besonnenheit“ als charakterliches Merkmal des Widerstands und es rät dringend, die Einhaltung der Regeln in den Gruppen zu üben bis sie das Spontanverhalten im Alltag prägen.
Auffällig im nationalsozialistischen Alltag war bereits die Verweigerung des „deutschen Grußes“. Paul Grünewald, der einige Monate Adjutant des Bannführers der Frankfurter HJ war, wurde, wenn er in Uniform unterwegs war, von jedem Hitlerjungen, dem er begegnete, stramm gegrüßt. Lore Wolf, die für die „Rote Hilfe“ ein Zimmer brauchte, in der sie die Matrizen der Flugblätter und Zeitungen beschrieb, mietete sich in der Wohnung eines nationalsozialistischen Parteigenossen ein, der sie, wenn sie kam und ging, stramm grüßte. Während sie tippte, hörte Lore Wolf die Tochter in der Wohnung die beim BDM erlernten Lieder singen. Ausschlaggebend für die Untermiete bei einem Anhänger des Systems, das Lore Wolf bekämpfte, war eine plausible Geschichte. Der Parteigenosse hielt sie für eine Geschäftsfrau aus Wiesbaden, die in unregelmäßigen Abständen nach Frankfurt kam und in dieser Zeit Geschäftskorrespondenz zu erledigen hatte. Lore Wolff ließ für diesen Zweck geschriebene „Geschäftskorrespondenz“ gelegentlich liegen und grüßte den Parteigenossen, wie er es erwartete. Da weder er noch die Nachbarn es für möglich hielten, dass ein Nationalsozialist eine Kommunistin in seine Wohnung ließ, war die Tarnung perfekt.
Zu den festen Regeln gehörte, auch engen Verwandten, auch der Ehefrau gegenüber, falls sie nicht dazugehörte, zu schweigen. Belastend war die Situation der Kinder. Alltagskonformität schloss bindend ein, dass sie nicht in Opposition zum NS-System erzogen werden konnten.

Dokumente zu diesem Beitrag:

  • „Willst Du gesund bleiben?“ Empfehlungen für das Verhalten im Widerstand
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