Widerstand und Exil

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Nach dem 2. Mai 1933 brachte eine junge Gewerkschafterin den Sekretär des ADGB Anton Döring im Auto in die Schweiz, nachdem bekannt geworden war, dass er als Leiter der Eisernen Front für deren Waffenversteck im Gewerkschaftshaus verantwortlich gewesen war. Der Terror der SA seit März 1933 mit der gezielten Ermordung gewerkschaftlicher Gegner des Nationalsozialismus ließ für Leib und Leben Dörings Schlimmes befürchten. Andererseits waren Persönlichkeiten wie Döring, die durch gewerkschaftliches Bewusstsein, organisatorische Fähigkeiten, weitreichende Kenntnisse und Kontakte und die erwiesene Bereitschaft zum Widerstand geprägt waren, unverzichtbar, wenn die Zerschlagung der freien Gewerkschaften nicht zum endgültigen Bankrott der vom ADGB repräsentierten deutschen gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung werden sollte.
Unverzichtbar war der rasche Aufbau von Gruppen im Ausland. Die Entscheidung für die Schweiz als Exilland lag nahe: die geringen kulturellen Unterschiede zur deutschsprachigen Schweiz, gute Kontakte zu Schweizer Gewerkschaften und Sozialdemokratie, Genf als Sitz des Völkerbundes und die logistischen Bedingungen für den Kontakt zu gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen in Frankfurt am Main, Mannheim und Ludwigshafen, Zentren der deutschen Arbeiterbewegung.
Die Ende Juni 1933 abgeschlossene Bildung des Exilvorstands der SPD in Prag nahm das NS-Regime zum Anlass für das längst beschlossene Verbot der SPD. Da die SPD wie die freien Gewerkschaften keinerlei Anstalten einer Überführung ihrer Organisationen in die „Illegalität“ unternommen hatten, erhielt auch hier das Exil strukturelle Bedeutung für den Widerstand in Deutschland.
In Frankfurt erhielt Johanna Kirchner von einem sozialdemokratischen Polizeibeamten die Warnung, daß ihre Verhaftung drohe. Die Parteisekretärin zeichnete gleiche und vergleichbare Eigenschaften wie den Gewerkschaftssekretär aus. Nach Diskussionen mit Genossen und Genossinnen aus den Führungszirkeln der SPD ging sie in das Saarland, das nach dem 1. Weltkrieg unter das Mandat des Völkerbundes gestellt worden war. Johanna Kirchner begann ihre Tätigkeit im SPD-Büro in Saarbrücken, verfasste Berichte an den Exilvorstand in Prag, vermittelte Informationen und Aufklärungsmaterial nach Frankfurt und betreute politische Emigranten.
Wie Gewerkschaften und Sozialdemokratie bauten alle Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung Exilgruppen auf. In der KPD, die als einzige Partei ihre Organisation in die „Illegalität“ überführte, gingen Mitglieder auf Direktive der Partei in das Exil. Widerstand und Exil verschmolzen, wenn entdeckte Widerständler sich der drohenden Verhaftung durch Flucht entziehen konnten. So gelangten aus Frankfurt Paul Müller und Carl Tesch zur Gruppe in der Schweiz.
Bei der Volksabstimmung im Saarland Mitte Januar 1935 votierten 90,4 % der Stimmen für den Anschluss an Deutschland. Der Versuch, die Abstimmung zu einer Abstimmung gegen Hitler und Hitlerdeutschland zu machen, scheiterte kläglich. Im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 kämpften auch politische Emigranten aus Frankfurt am Main in der Internationalen Brigade. In der Stadt selbst wurden Flugblätter verteilt und Unterstützungsgelder gesammelt. Der Spanische Bürgerkrieg erschien als weitere Entscheidungsschlacht zwischen Sozialismus und Faschismus, da Hitlerdeutschland und das faschistische Italien die spanische Reaktion unterstützten.
Der 2. Weltkrieg, vor allem die deutsche Besetzung Frankreichs, Luxemburgs und der Niederlande, schnitten die Verbindungen ab. Das Vichy-Regime lieferte Johanna Kirchner und Lore Wolf aus. Willi Höhn, der in Spanien gekämpft hatte und in Frankreich 1939 interniert worden war, kehrte in einem Transport der Gestapo nach Frankfurt am Main zurück.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Eiserne Front;  

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