Gertrud Liebig über die Bedeutung der Jugendgruppe des ZdA

Druck

Vater war Metallarbeiter, klassenbewußt, 1918 Mitglied der USPD, Rückkehr in die SPD, Gewerkschafter, Betriebsrat und seit 1929 Frühinvalide. Ich war das vierte und jüngste Kind. Zu den eingeprägten Erinnerungen an meine Kindheit gehört, daß ich Zahnschmerzen hatte und Mutter nicht mit mir zum Zahnarzt gehen konnte, weil Vater arbeitslos war. Die Mutter erzählte oft, daß meine ältere Schwester Maria auf die mütterliche Drohung: „Ich wird’ dich verkaufen!“ antwortete: „Ja! Aber nur an reiche Leut’!“ Für eine Rolle bei einer schulischen Theateraufführung brauchte ich Halbschuhe, die ich mir bei einer Mitschülerin auslieh. Vater kaufte nur Stiefel.
Nach Abschluss der Schule 1931 mit einem guten Zeugnis wollte ich Kindergärtnerin werden, aber es gab keine Lehrstellen. Vater sah darauf, daß ich, wie die Geschwister auch, sofort einer Gewerkschaft beitrat. Ich trat in den ZdA ein, mehr aus Tradition, denn aus Bewußtsein. Paul Müller besorgte eine Lehrstelle bei der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen. Ich war dort der erste Bürolehrling überhaupt, die Stelle war neu geschaffen worden.
Ich engagierte mich schnell in der Jugendgruppe des ZdA. Sie wurde zur Welt der Freizeit. Ich ging möglichst jeden Abend hin: Neben gewerkschaftspolitischer Schulung gab es Sexualaufklärung, es wurde gesungen, getanzt, am Wochenende gingen wir auf Fahrt (...) Die elterliche Wohnung bot drei Zimmer für sechs Personen. Vaters Rente reichte gerade für die Miete. Da die Geschwister weiter zu Hause wohnten, ging es uns durch die Bündelung der Einkommen im Vergleich zu anderen Arbeiterfamilien relativ gut.

Bericht Gertrud Liebig 1983, Historisches Museum

Zugehörige andere Artikel:

  • Die „Gleichschaltung“ der ZdA-Jugendgruppe
  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Historisches Museum  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 30.09.2003