Die Folgen eines Freispruchs: Gertrud Liebig

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Porträt Gertrud Liebig, Aufnahme eines Werbefotografen, Sommer 1934

1934 war ein Werbefotograf auf Gertrud, die im Prozess gegen die aus der ZdA-Jugendgruppe hervorgehende Widerstandsgruppe im Januar 1935 freigesprochen wurde, aufmerksam geworden und hatte Probeaufnahmen von ihr gemacht. Die Untersuchungshaft erübrigte alle Fragen, ob daraus etwas hätte werden können.

Zu Beginn der Untersuchungshaft im Oktober 1934 war ihr von der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen fristlos gekündigt worden. Die Begründung der Kündigung war falsch, weil noch keine Anklage erhoben war. Die „amtlichen Auskünfte“ stammten von der Gestapo. Der Vertrauensrat teilte nach dem sofortigen Einspruch des Vaters, Gertrud war noch minderjährig, mit „Heil Hitler!“ mit, dass er die Kündigung billige. Nach dem Freispruch im Prozess im Januar 1935 betrieb sie mit Hilfe der Rechtsstelle der DAF ihre Wiedereinstellung. „Kompromiss“ war die Umwandlung der fristlosen in eine fristgerechte Kündigung. Das Arbeitsamt entzog ihr im März 1935 für 6 Wochen die Arbeitslosenunterstützung, weil sie die Arbeitsstelle bei der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen aus eigenem Verschulden verloren habe.

Kündigungsschreiben der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen für Gertrud Liebig, datiert 24. Oktober 1934

Bestätigung der Kündigung durch den Vertrauensrat der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen für Gertrud Liebig, Schreiben datiert 21. August 1937


Bescheid des Arbeitsamtes über den Entzug der Arbeitslosenunterstützung für Gertrud Liebig, datiert 12. März 1935

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Der nächste Arbeitgeber, ein Buchhändler, belieferte Arbeitsdienstbibliotheken mit Produkten des Zentralverlags der NSDAP und verlangte oft Überstunden gegen ein Stück Kuchen als Entgelt. Der gewerkschaftliche Kampf gegen „freiwillige Übestunden“ war eines der zentralen Themen der ZdA-Jugendgruppe vor 1933 gewesen. Gertrud machte keine freiwilligen Überstunden und provozierte ihren Rausschmiss. Für die Kündigung brauchte der Buchhändler die Genehmigung des Treuhänders der Arbeit. Dafür mussten „überzeugende“ Gründe gefunden werden. Gertrud Liebig fand eine neue Arbeitsstelle bei der Frankfurter Zweigniederlassung der Mannesmannröhren AG. Hier holte sie ihre Vergangenheit im August 1937 ein. Mannesmann sollte und wollte Rüstungsbetrieb werden, was die politische Überprüfung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Gestapo einschloss. Die hatte eine Ermittlungsakte und hielt Gertrud Liebig „hochverräterischer Bestrebungen“ für überführt.

Kündigungsschreiben der Mannesmannröhren- und Eisenhandel GmbH für Gertrud Liebig, datiert 18. August 1937

Bestätigung der Kündigung der Mannesmannröhren- und Eisenhandel GmbH, datiert 21. August 1937

Es gab eine furchtbare Szene in der Direktion, Gertrud Liebig musste augenblicklich gehen und durfte selbst ihre Privatsachen nicht mehr vom Arbeitsplatz holen. Die Tatsache, dass sie freigesprochen worden war, blieb unerheblich. Die Begründung der Kündigung verschleierte die durch die Angst vor der Gestapo begründete Hektik der Direktion.
Beim „Generalanzeiger“, der schon im 19. Jahrhundert gegründeten Frankfurter Tageszeitung, sagte Gertrud Liebig dem zukünftigen Chef im Vorstellungsgespräch, dass sie aus politischen Gründen in Untersuchungshaft gewesen sei. Der stellte sie genau deshalb ein. Er wollte keine überzeugte Nationalsozialistin als Sekretärin.
Konrad Goebbels, der Bruder des Reichspropagandaministers, Geschäftsführer des „Frankfurter Volksblattes“ und Leiter der Fachschaft Journalistik der NSDAP, kannte Gertruds Vergangenheit. Er verlangte ihre Kündigung. Der Chef tat vorläufig nichts. Wenn Goebbels anrief und Gertrud Liebig das Telefon abnahm, konnte Goebbels feststellen, daß sie immer noch da war. Er begann dann regelmäßig zu schimpfen. Als der Druck immer stärker wurde, vermittelte ihr Chef sie an die „Frankfurter Zeitung“, die sich der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Presse erfolgreich entzogen hatte.
Gertrud Liebig war mit Paul Grünewald verlobt. Im Kontakt mit dem Vater Paul Grünewalds, der nichts unversucht ließ, seinen Sohn aus Buchenwald herauszuholen und einen Weg für einen Termin mit dem Leiter des Berliner Hauptamtes der Gestapo fand, übernahm und übte Gertrud Liebig die Rolle der verzweifelten jungen Frau, die tränenreich die Freilassung ihren Verlobten erbat.
Im Juni 1940 fuhr Gertrud Liebig nach Berlin und suchte das Hauptamt der Gestapo auf. Mit ihrer Schwester Maria fuhr sie nach Frankfurt zurück. In Weimar beschlossen sie spontan auszusteigen, um Paul in Buchenwald zu besuchen. Sie fragten Passanten, deren distanzierte Reaktionen – „Das geht nicht!“, „Das ist viel zu weit!“ – sie nicht begriffen, nach dem Weg zum KZ. So schauten sie im Telefonbuch nach, fanden die Nummer der Zentrale und wünschten eine Verbindung mit dem Lagerarzt, bei dem Paul, wie Gertrud wusste, arbeitete. Der Lagerarzt war nicht da. Erst durch den entlassenen Paul Grünewald erfuhr Gertrud Liebig, was ein Konzentrationslager ist.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Frankfurter Arbeitsamt;   Treuhänder der Arbeit;  

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