Kopie, Neubau oder Mahnmal? Wiederaufbau des Goethehauses

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Das Goethehaus nach der Zerstörung im März 1944. Nur die Außenmauer mit dem von Vater Goethe zur Überwachung des Sohnes nachträglich eingebautem Fenster blieb erhalten.

In den Jahren 1755 bis 1757 ließ Goethes Vater Johann Kaspar sein Haus am Großen Hirschgraben dem Zeitgeschmack entsprechend im französischen Stil umbauen und dabei verputzen. Nach mehreren Eigentümerwechseln erwarb das Freie Deutsche Hochstift das Haus 1863 und richtete es als Goethe-Gedenkstätte ein. Nach der Zerstörung am 22. März 1944, der nur der jüngere Bibliotheksanbau schwer beschädigt entging, wurde noch vor Ende des Krieges über einen Wiederaufbau nachgedacht, der schon 1946 konkrete Formen annahm. Schon 1944 ging eine umfangreiche Spende der Philipp Holzmann AG ein. Im Dezember 1946 waren die Trümmer weggeräumt und in der Waschküche ein Behelfsbau für die bei der Instandsetzung des Bibliotheksbaus beschäftigen Arbeiter eingerichtet, die die französische Militärregierung in Baden-Baden mit einer Genehmigung für den Bezug von rheinischem Dachschiefer unterstützte.
Schon bald entbrannte eine heftige Diskussion über die Art des Wiederaufbaus in einer weitgehend zerstörten Stadt. Das Freie Deutsche Hochstift schlug einen naturgetreuen Nachbau vor und stützte sich auf das Votum seiner mehr als 6.000 Mitglieder: „Das Freie Deutsche Hochstift wünscht eine Nachbildung von Goethes Geburtshaus an der alten Stelle und bis ins Einzelne genau in den alten Formen; es ist dies keine architektonische, es ist eine rein museale Aufgabe“. Die von einer Reihe prominenter Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Architektur sowie vom Deutschen Werkbund Hessen bezogene Gegenposition forderte ein neues Goethehaus, andere wiederum wollten den Platz als Mahnmal leer belassen und mit einer Gedenktafel ausstatten. Damit war der Streit über das Schicksal des Goethehauses Teil der Debatte um den Wiederaufbau der Stadt. Der bekannte Münchner Architekt Otto Völckers schrieb dazu: „Es ist nicht unsere Aufgabe, sentimentale Theater- oder Kinodekorationen zu bauen und Mumien zu fälschen“ und riet zu einem Wettbewerb für ein neues Goethehaus. Der Literat und leidenschaftliche Gegner des Nationalsozialismus Reinhold Schneider (1903-1958) lehnte einen Wiederaufbau gänzlich ab.

Richtfest des Goethehauses 1949


Die Ansicht des Hochstifts setzte sich jedoch durch, und dies führte zum Magistratsbeschluss vom 10. April 1947, das Goethehaus nach den Vorstellungen des Hochstifts unter Aufrechterhaltung des Hirschgrabens wieder aufzubauen. Das Goethehaus wurde rekonstruiert. Am 5. Juli 1947 begann der von vielen Spenden, auch in Form von Handwerkerleistungen, aus dem In- und Ausland getragene Wiederaufbau mit einem Weiheakt durch Oberbürgermeister Kolb. Der Wiederaufbau zog sich jedoch hin und hatte unter Geldknappheit zu leiden. Das Hochstift wies Ende 1949 auf die bereits durch die sowjetische Militäradministration abgeschlossene Wiederherstellung aller Goethestätten in Weimar hin, während vom Frankfurter Goethehaus gerade einmal der Rohbau fertig gestellt war. Schließlich konnte das Goethehaus am 10. Mai 1951 durch Bundespräsident Heuss in Gegenwart unter anderem aller drei Hochkommissare der westlichen Alliierten eingeweiht werden. Während der Feierlichkeiten sagte der Vorsitzende des Freien Deutschen Hochstifts, Georg Hartmann, der zusammen mit Prof. Dr. Ernst Beutler für die Rekonstruktion des zerstörten Gebäudes gekämpft hatte: „Als ewige Anklage sollten die Trümmer liegen bleiben, das forderte damals die politische Presse“. Diese Anklage – so Hartmann – hätte jedoch sowohl dem Geist des Hochstifts als auch dem der Frankfurter Bevölkerung widersprochen.


Literatur und Quellen
  • Institut für Stadtgeschichte, Magistratsakten, 8.116, 8.117
  • Institut für Stadtgeschichte, Kulturamt, 78, 1.003
  • Einweihung des Goethehauses. Ansprachen, Frankfurt 1951
  • Detlev Lüders, Das Goethehaus in Frankfurt am Main, Frankfurt 1968
  • Ernst Beutler (Text), Das Goethehaus in Frankfurt am Main, Frankfurt 1974 (9. Auflage)

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