Die Höchster Kaserne und ihre „Bewohner“

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Höchst wurde am 14. Dezember 1918 als Teil des Brückenkopfes Mainz von französischen Truppen besetzt, die erst Ende November 1929 wieder abzogen. Die französischen Soldaten wurden zunächst in öffentlichen und privaten Quartieren untergebracht. Schon 1920 entwickelte die Stadt Höchst Pläne zum Bau einer Kaserne auf Kosten des Deutschen Reiches, mit deren Bau 1922 begonnen, die vom Höchster Stadtbaumeister Wempe aber erst 1926 fertig gestellt wurde, nachdem 1924 schon Teile bezogen worden waren.

Höchster Kaserne


Nach dem Abzug der Franzosen erwarb die Stadt Frankfurt a. M., zu der Höchst seit 1928 gehörte, 1931 die Kaserne Höchst, um sie zu Wohn- und Schulzwecken zu nutzen. Ein Projekt zur Unterbringung einer berittenen Polizeieinheit war gescheitert, weil Höchst bis zum 30. Juni 1930 unter Besatzungsrecht stand. Die geplanten Umbauten als Schulgebäude verzögerten sich wegen finanzieller Probleme der Stadt und scheiterten schließlich, weil die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung die Kaserne für eigene Zwecke bis 1937 nutzten.
Im Mai und Juni 1933 betrieb die Höchster SA in der Kaserne ein „wildes Konzentrationslager“, in dem zahlreiche Sozialdemokaten, Kommunisten, Zentrumsleute und Gewerkschaftler und aus Höchst, Unterliederbach und Nied unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt und misshandelt wurden. Im April 1933 wurde ein straff organisiertes geschlossenes Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes der NSDAP in der Kaserne eingerichtet und zunächst mit 240 jungen Männern belegt, die unter anderem beim Bau der Siedlung Goldstein eingesetzt waren. Am 1. Juli 1935 trat der Pflichtarbeitsdienst an die Stelle des freiwilligen Arbeitsdienstes, so dass die Belegschaft des Höchster Lagers zurückging. Auch die Höchster NSDAP zog mit Dienststelle in die Kaserne ein, ebenso die SA, die für arbeitslose Mitglieder zwei Hilfswerklager (Hessen I und II) einrichtete, in denen SA-Leute in neun Monaten ideologisch, beruflich und sportlich geschult wurden und auch Arbeitseinsätze leisteten.
Mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit zeichneten sich 1935/36 Änderungen in der Nutzung der Kaserne ab. Ende 1936 wurden sowohl das Arbeitsdienstlager als auch das SA-Hilfswerklager geschlossen. Ab dem Frühjahr 1937 war sie zunächst provisorisch mit einer Flakeinheit belegt. Im August 1937 kaufte das Deutsche Reich von der Stadt die Kaserne zurück und überließ sie der Luftwaffe. Ebenfalls 1937 bezog eine motorisierte Straßenpolizeibereitschaft das für die Franzosen erbaute „Stallviertel“, leistete ab 1940 auch Kriegsdienst, blieb bis zum 1. Juli 1942 und wurde dann nach Warschau verlegt. Am 26. und 31. Mai 1941 traten zwanzig junge Gendarmen aus Luxemburg (Geburtsjahrgänge 1917 bis 1921) ihren Dienst in der Kaserne an, die zuvor alle in Weimar gewesen waren. Das Fehlen eines Abmeldevermerks lässt schließen, dass sie bis zur Verlegung der Einheit nach Warschau 1942 in Höchst geblieben sind. An die Stelle der motorisierten Gendarmerie traten Reserveformationen der Wehrmacht.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Kaserne vorübergehend Durchgangslager für polnische Displaced Persons in amerikanischen Diensten und von 1947 bis 1949 Sitz der bizonalen Wirtschaftsverwaltung, aus der das Bundeswirtschaftsministerium hervorging. Große Teile - und nach dem Auszug der Wirtschaftsverwaltung das gesamte Areal - waren von 1945 bis 1992 als „McNair“ und „Michael“ Kaserne in der Hand der US-Armee.

Nach dem Abzug der Amerikaner wurde das gesamte Kasernengelände in ein Wohngebiet mit gewissem Gewerbeanteil umgewandelt. Nebengebäude wurden abgebrochen und die Freiflächen als „Lindenviertel“ mit Wohnhäusern bebaut.


Literatur und Quellen
  • Josef Fenzl, Aus der Geschichte der Höchster Kaserne 1920-1945, Frankfurt 1998
  • ISG, Hausstandsbücher, Nr. 2.258, Bl. 25, 36, 63, 71, 83, 93, 106, 121, 132, 184, 243, 353 (Meldeeinträge der Luxemburger Gendarmen)
  • ISG, Magistratsakten, S 72, S 173, 3001 u. 9.377, Nutzung der Kaserne und des Geländes 1929-1959, 2.869 u. 9.159, Nutzung der Kaserne als Arbeitsdienstlager
  • ISG, Schulamt, 2.840, 2.912 u. 4.676, Nutzung der Kaserne zu Schulzwecken

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