Zuflucht in Frankfurt für Juden vom Lande

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In der Frankfurt umgebenden ländlichen Region (mit hessischen, rheinland-pfälzischen und bayerischen Anteilen) wohnten in Dörfern und Kleinstädten im Verhältnis zu anderen Gegenden Deutschlands besonders viele Juden – allein im damaligen Hessen-Nassau und im Volksstaat Hessen existierten fast 400 Gemeinden. Die Gemeinden dieser „Landjuden“ bestanden zum Teil schon seit Jahrhunderten, und ihre Mitglieder hatten im Verlauf dieser Zeit mit ihrer christlichen Nachbarschaft in der Regel ein gutes Auskommen gefunden. Stärker als in den Großstädten den religiösen Traditionen verpflichtet heirateten auch im beginnenden 20. Jahrhundert die unterschiedlichen Konfessionen wenig bis gar nicht untereinander (was nicht nur für das Verhältnis zwischen Juden und evangelischen oder katholischen Christen, sondern auch das der beiden christlichen Konfessionen untereinander galt).

Niederhofheim, Gemeinde Liederbach (bei Frankfurt-Höchst), rechts die Synagoge

Denkmal der jüdischen Gemeinde Rauischholzhausen (bei Marburg) für ihre Gefallenen des Ersten Weltkriegs

Jüdische Schule in Merzhausen bei Ziegenhain, Schwalm-Eder-Kreis


Das Verhältnis von Juden und Christen auf dem Lande war von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt. Die Juden vermarkteten die bäuerlichen Produkte und versorgten die Landbevölkerung mit städtischen Waren, hinzu kam noch das Bankgeschäft im Kleinen, der Geldverleih. Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein einsetzende Landflucht mit Ziel Großstadt oder Auswanderung nach Amerika hatte auch die jüdische Bevölkerung erfasst, sodass in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zahlreiche Frankfurter Juden (wie Christen) ihrer Familienherkunft nach aus der Region stammten. Zugleich mischten sich auf dem Lande die alten antijudaistischen Vorbehalte der Bauern mit dem aufkommenden Antisemitismus zu einem für die jüdische Landbevölkerung neuen Gefahrenpotential.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bekamen das die „Landjuden“ deutlich zu spüren. Zwar funktionierte der Tag des organisierten Boykotts (1. April 1933) gegen jüdische Geschäfte auf dem Lande anfangs nicht besonders gut – die Bauern waren weiterhin auf die jüdischen Zwischenhändler und Kaufleute angewiesen –, aber der alltäglichen antisemitischen Gewalt seitens böswilliger Teile der Bevölkerung und der staatlichen Diskriminierung konnten die kleinen Landgemeinden für ihre Mitglieder nur wenig Schutz entgegensetzen.
Über das Dilemma dieser Situation berichtete Hilde Meyerowitz, Geschäftsführerin im Provinzialverband der Jüdischen Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau, im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt“ 1935, Nr. 13 (zitiert nach Kingreen, Zuflucht, S. 121f.):
„Es sind Menschen, die streng religiös sind und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen, etwa bei der Fleischbeschaffung, entgegenstellen, auch heute noch streng nach dem jüdischen Gesetz leben. Von einer eigenartigen Struktur ist die Berufsgliederung. Zum größten Teil sind es Viehhändler und Handelsleute, deren Geschäft sich durch Generationen vererbt hat und die von besonderer Bodenständigkeit sind. Fast alle haben ihr eigenes Haus und ihren Grundbesitz, den sie genau wie die Bauern um sie her selbst bewirtschaften. Für diese Menschen, die seit Generationen in demselben Lebensraum unter den gleichen Bedingungen zu leben gewohnt waren, war die Umwälzung von 1933 in vielfältiger Hinsicht von besonders einschneidender Wirkung. Viele verstanden infolge der Einsamkeit, in der sie lebten, ihr Einzelschicksal nicht als Teil des Gesamtschicksals der deutschen Juden zu sehen. Sie hatten oft auch keine Möglichkeit, mit anderen Menschen darüber zu sprechen und sich seelisch gegenseitig aufzurichten (…). Zumeist ist das Vermögen (…) in Land- und Grundbesitz oder bei den besonderen Handelsbeziehungen in dem Warenkredit, den man zu geben gezwungen ist, festgelegt. Unter diesen Umständen ist es schwierig, das Kapital für eine Aus- oder Abwanderung sofort freizumachen, so daß die Auswanderung nur sehr langsam und zum Teil unter erheblichen Verlusten möglich ist. Hinzu kommt die besondere Bodenständigkeit dieser Menschen, die sich nur im alleräußersten Notfall dazu entschließen, den Heimatort zu verlassen (…).
Eine weitere Schwierigkeit (…) ergibt sich aus der ungünstigen Altersschichtung (…). Das Problem der Altersversorgung (ist) von ständig wachsender Schwere (…). Wichtiger als je ist nun die Aufgabe (…), Kindern, die isoliert in Kleingemeinden leben müssen, die Möglichkeit einer Erziehung in jüdischem Raum zu geben (…).“

Auswanderung als Perspektive, um der Verfolgung in Deutschland zu entgehen, realisierten meist die Wohlhabenden und Gebildeten in den Großstädten am schnellsten. Als aber in den Landgemeinden ab 1935 die antisemitischen Übergriffe und mit den Nürnberger Rassegesetzen der staatliche Druck deutlich zunahmen, begann auch die große Fluchtbewegung vom hessischen Land, die diese Menschen zunächst meist nach Frankfurt in den vorläufig besseren Schutz der dort großen jüdischen Gemeinde brachte. Überlegungen regionaler NS-Instanzen, einen Zuzugsstopp für Frankfurt anzuordnen, wurden von höheren Instanzen abgelehnt. 1937 hatte sich die Anzahl der jüdischen Landbewohner gegenüber 1933 bereits halbiert. Die Abwanderung nach Frankfurt betraf vor allem Kinder und Jugendliche, die in ihren Heimatorten kaum noch die Schule besuchen oder Ausbildungsplätze finden konnten. Der bereits erwähnte Provinzialverband der Jüdischen Wohlfahrtspflege mit Sitz in Frankfurt versuchte, diesen Prozess zu organisieren und den Menschen die nötigen Hilfen zu verschaffen. Jüdische Schüler vom Lande wurden an das Philanthropin oder die Samson Raphael Hirsch-Schule vermittelt und in Wohnheimen oder privat untergebracht.
Bis 1939 gab es zudem als Alternative in Bad Nauheim eine überörtliche Schule mit angeschlossenem Internat. Eine wichtige Frankfurter Adresse für Jugendliche wurde die 1933 gegründete Anlernwerkstätte in der Fischerfeldstraße 13 mit eigenen Werkstätten und Berufschullehrern, die den auswärtigen Jugendlichen auch Internats- oder Wohnheimunterkünfte bieten konnte. Für die zuziehenden Alten richtete die Jüdische Wohlfahrtspflege so gut es ging Altersheime in Frankfurt ein, darunter eines in der Wöhlerstraße 6.

Spielende jüdische Kinder vom Lande im Kinderheim Sandweg 7 von 1940/41

Vom Lande nach Frankfurt gezogene Bewohner des jüdischen Alterheims Wöhlerstraße 6 im Jahr 1939


Der reichsweite Novemberpogrom von 1938 („Reichskristallnacht“) zwang viele jüdische Landbewohner zur spontanen Flucht nach Frankfurt. Hier entstand zwischen der Stadt Frankfurt und der Gestapo ein Streit um den Zugriff auf die Vermögenswerte der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen, bei dem die Stadt mit der Belastung ihrer Sozialkasse durch die zuziehenden Landjuden argumentierte. Die Sache ging am Ende zumindest formell zugunsten der örtlichen Gestapo mit ihrem Beauftragten Ernst Holland aus, die ab 1940 die primäre Kontrolle über die zwangsvereinigte Israelitische Gemeinde und Israelitische Religionsgesellschaft hatte: die neue Jüdische Gemeinde unter dem Dach der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.
Bis zum endgültigen Auswanderungsverbot 1941 entsprach dem Zuzug vom Lande zahlenmäßig ungefähr die Emigration ins Ausland: Ca. 11.000 Juden waren nach Frankfurt gezogen, fast 15.000 ins Ausland emigriert, ca. 7.000 in andere Städte umgezogen. Wie sich die nach Frankfurt gezogenen Menschen zwischen der Hoffnung auf Emigration und der Angst vor der ihnen ungewissen Zukunft in Deutschland fühlten, zeigen die Briefe, die der 17-jährige Walter Levi aus Ostheim bei Hanau, Schüler in der Anlernwerkstätte, an seine Schwester in New York unter Zensurbedingungen geschrieben hat (zitiert nach Kingreen, Zuflucht, S. 143f.)
„Aussicht auf ein Fortkommen habe ich noch keine, denn es geht sehr schwer. Ich habe mich jetzt nach Palästina angemeldet, weiß aber noch nicht, ob es was wird. Ich will jetzt nach Erez Israel und werde, so Gott will, bald drüben sein. Dort muß ich zwei Jahre in einen Kibbutz. Wenn es mir dort gefällt, bleibe ich dabei, wenn nicht, Pech gehabt. Wir geben das bequeme Leben auf und werden Zionisten. Versuche mal da mein Glück. Das nächste Neujahr feiern wir hoffentlich bei Dir in Amerika. Ich habe zwischen Wolkenkratzern mehr Chancen, denn ich bin in der Zwischenzeit so gewachsen, daß ich auch dort bald aus den Dachkenneln saufen kann. Die meisten Jungen gehen jetzt schon bald fort ins Ausland, und wegen mir wird die Anlernwerkstatt nicht weiter bestehen. Kurt (der kleine Bruder, d.V.) kann in Ostheim nicht auf die Straße und kommt sehr wahrscheinlich hier ins Waisenhaus. Die lieben Eltern sind auch sehr unglücklich, denn sie wissen überhaupt nicht, was sie anfangen sollen. Du kannst froh sein, daß du weg bist. Gestern Abend war ich eingeladen. Wir gehen nur noch privat, denn man kann nirgends hingehen. In Frankfurt wird jetzt ein jüdisches Kino eröffnet, da haben wir doch etwas, wo wir hingehen können. Samstag und Sonntag sind für uns die langweiligsten Tage. Wir gehen meistens spazieren am Main. Nur zu zweien ist es ja auch ganz schön, das weißt Du ja aus eigener Erfahrung. Ich verdiene hier keinen Pfennig. Du glaubst nicht, wie schlimm das ist. Lieber auf der Landstraße 13 Stunden arbeiten am Tag als nichts verdienen. Man geht doch auch nicht mehr zur Schule. Wenn man so ganz alleine ist in Frankfurt, ist es schlimm. Wenn Du wüßtest, wie wir hier so rumlaufen. Die meisten jungen Leute fahren nach England, sie haben alle von ihren Verwandten Geld gestellt bekommen. Hast Du denn wirklich niemand für mich, der etwas für mich tun kann? Wir arbeiten, essen und schlafen. Ich glaub schon nicht mehr dran, daß ich mal rauskomme. Ja, ja, wer kein ›Masell‹ (Glück, d. V.) hat, der ist hier verloren (…), man wird hier des Lebens müde. Aber jetzt genug davon, wenn es nicht sein soll, kann ich es auch nicht ändern. Ich weiß überhaupt nichts Schönes von hier zu berichten. Ich bin noch hier in der Anlernwerkstätte und noch genauso weit wie vor zwei Jahren (im Hinblick auf eine Auswanderung, d. V.). Hier haben wir wenigstens etwas Abwechslung, habe jetzt hier Tanzen gelernt. Es geht schon ganz gut; wenn ich so weitermache, gehe ich nach Hollywood – ein kleiner Spaß muß sein. Wir haben nächste Woche eine Chanukkafeier, es soll ganz nett werden. Ich bin der letzte von den Bekannten und Verwandten, der noch hier ist. So Gott will, bekomme ich doch noch geholfen. Habe eben Ferien und bin zu Hause (in Ostheim, d. V.). Es ist sehr langweilig hier und man weiß gar nicht, was man machen soll. Da ist es in Frankfurt doch schöner, man hat mehr Abwechslung. Ich bin zur Zeit der beste Tänzer im Heim, habe aber nur keine richtigen Mädels. Die meisten sind ausgewandert. Bei uns in der Anlernwerkstätte ist es sehr schön. Wir tanzen jede Woche, und ich habe immer Gesellschaft. Im Heim hätte ich mich schon Dutzende Male befreunden können, ich habe mir aber eine aus dem Waisenhaus geholt. Ich glaube, sie ist mehr in mich als ich in sie verknallt. Na, laß ihr das Vergnügen. Das ist das einzige, was wir hier noch haben: die Mädels und das Tanzen. Sonst gehen wir nirgends hin und haben auch weiter kein Vergnügen. Ich habe gehofft, Weihnachten bei Dir zu sein, aber ich habe jetzt die Hoffnung aufgegeben. Ich glaube auch nicht, daß ich noch zu Dir rüber komme. Ich könnte schon zwei Jahre bei Dir sein, wenn Tante Mathilde mir damals die Bürgschaft geschickt hätte, aber es sollte nicht sein.“
Walter Levi wurde am 30. Mai 1942 mit seiner Familie von Hanau in den Osten (vermutlich in das KZ Majdanek) deportiert.
Von den im Herbst 1941 einsetzenden Deportationen waren auch die nach Frankfurt geflohenen Juden betroffen. Jugendliche und Kinder, deren Eltern noch in den Dörfern und Kleinstädten lebten, wurden zunächst dorthin zurückgeschickt, um mit ihren Eltern anschließend deportiert zu werden. Neben den mehr als 11.000 Juden aus Frankfurt sind bis zum Herbst 1942 auch mehr als 5.200 Menschen aus den Landgemeinden Hessens in die Todeslager geschickt worden.


Literatur
  • Monica Kingreen, Zuflucht in Frankfurt. Zuzug hessischer Landjuden und städtische antijüdische Politik, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“, Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945 (Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17), Frankfurt am Main 1999, S. 119–156
  • Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden, 1933–1945, hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt am Main 1963, S. 371–381

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