Philanthropin – Schule der Israelitischen Gemeinde

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Gegründet 1804 im Geiste der jüdischen Aufklärung verband das Philanthropin als jüdische Volks- und Realschule säkulare Bildung mit religöser Erziehung. Fast von Beginn an wurden in ihr auch Mädchen unterrichtet und konnten christliche Kinder angemeldet werden. Dieser liberalen Tradition verpflichtet entwickelte sich die Schule unter der Trägerschaft der Israelitischen Gemeinde, aber mit weitgehend unabhängigen Strukturen, als öffentliche Schule kontinuierlich weiter. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde sie unter Direktor Otto Driesen zum Gymnasium erweitert und gehörte damit zu fünf jüdischen Schulen in Deutschland, an denen das Abitur abgelegt werden konnte.

Gebäude des Philanthropin, 1909

Lehrerkollegium der Volksschule, um 1930


Die nationalsozialistische Machtübernahme im Januar 1933 wirkte sich rasch auch auf das Schicksal des Philanthropins aus. Zunächst wurde mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom April 1933 die Anzahl jüdischer Schüler an den staatlichen Schulen stark begrenzt. Dies und der zunehmende antisemitische Druck auf die jüdischen Schüler dieser Schulen veranlasste viele jüdische Eltern, ihre Kinder am Philanthropin anzumelden. So stieg in den höheren Zweigen der Schule (Realschule und Gymnasium) die Schülerzahl von 1933 (376) bis 1934 (701) auf fast das Doppelte. Mit der Errichtung gesonderter Schulen und Schulklassen für Juden (Erlass vom 10. September 1935), wurde die „Rassentrennung“ für alle Schulen verbindlich, die verbliebenen jüdischen Schüler und Lehrer der staatlichen höheren Schulen mussten im kommenden Schuljahr in eigenen Klassen zusammengefasst oder auf die bestehenden jüdischen Schulen und damit auch auf das Philanthropin verteilt werden, desgleichen mussten nichtjüdische Lehrkräfte das Philanthropin verlassen.

Lyzeumsklasse, um 1936

Untertertia, 1938


Zudem wurde die Fluktuation in Schülerschaft und Lehrerkollegium durch zwei weitere Faktoren erhöht. Einerseits suchten immer mehr jüdische Kinder aus den Dörfern und Kleinstädten der benachbarten Regionen vor antisemitischer Verfolgung Schutz in Frankfurt, andererseits begann sich nun die nationalsozialistische Politik, möglichst viele deutsche Juden zur Emigration ins Ausland zu zwingen, stärker auszuwirken. Trotz des Zuzugs vom Lande ging deshalb die Schülerzahl in den höheren Zweigen des Philanthropins bis 1938 auf etwa 550 zurück.
Im pädagogischen Bereich versuchten Schulleitung und Lehrerkollegium dem Verfolgungsdruck mit veränderten Konzepten entgegenzuwirken. So reagierte man auf die schwindende Perspektive einer akademischen Ausbildung mit dem Angebot von Werkunterricht und Stenographie, um wenigstens die Chancen der Schüler in den „praktischen“ Berufen zu erhöhen.
Waren vor 1933 Integration und Assimilation in die deutsche Gesellschaft wesentliches Erziehungsziel, so trat ab 1934 nun immer mehr die Stärkung jüdischer Identität in den Vordergrund. Hierzu gehörte die vermehrte Beschäftigung mit jüdischen Themen. Die Einführung des Iwrith (Neuhebräisch) als Unterrichtsfach erfolgte ebenfalls aus diesem Grund, auch wenn sie zugleich aus praktischen Gründen die Auswanderung nach Palästina erleichtern sollte.
Den Perspektiven der Auswanderung diente auch eine weitere Neuerung. 1937 wurden zwei Klassen eingerichtet, deren Abschluss nicht das Abitur, sondern das Cambridge School Certificate Examination bilden sollte, um den Schülern die Zugangsberechtigung zum Studium an einigen englischen Universitäten verschaffen zu können. Für diesen ausschließlich englischsprachigen Unterricht wurden eigens muttersprachliche Lehrer angeworben.
Mit dem Pogrom vom 9./10. November 1938 („Reichskristallnacht“) wurde auch das Ende der Schulen des Philanthropins eingeleitet. Die männlichen Lehrer unter 60 und Schüler über 16 wurden vorübergehend in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und kehrten z.T. erst im Januar 1939 zurück. Wer irgend konnte, wanderte jetzt aus: Im Frühjahr 1939 gab es nur noch ca. 160 Schüler der höheren Zweige des Philanthropins, auch das Kollegium hatte sich entsprechend verkleinert. Im April kam es zur letzten Abiturprüfung und zugleich zur ersten und letzten Cambridge School Certificate Examination.
Im April 1939 bemächtigte sich die Stadt der Liegenschaft und zwang die Jüdische Gemeinde, die Schule von nun an von ihr zu mieten. Zugleich musste die Gemeinde im Gebäude die Samson Raphael Hirsch-Schule unterbringen. Mit der Auflösung aller höheren jüdischen Schulen im Reich hörte auch das Philanthropin im April 1941 auf zu bestehen (bis auf den Volksschulteil), ehemalige Schüler und Lehrer befanden sich bereits bei den ersten Transporten in die Todeslager. Am 1. Juli 1942 wurde auch die Volksschule geschlossen.

Dr. Albert Hirsch, geb. 1888 in Frankfurt a. M., im August 1939 in die USA ausgewandert, letzter Direktor des Philanthropin 1937–1939

Kindergarten im Philanthropin, um 1949


Nach dem Krieg wurde ab 1948 das Gebäude des Philanthropins von jüdischen Organisationen, später von der Jüdischen Gemeinde Frankfurts für unterschiedliche Zwecke genutzt. 1954 feierten in New York ehemalige Schüler und Lehrer das 100-jährige Schuljubiläum. 1979 erwarb die Stadt Frankfurt die Liegenschaft von der Jüdischen Gemeinde und baute sie zu einem Bürgertreff und Veranstaltungsort um. 2001 fiel das Gebäude an die Jüdische Gemeinde zurück, um künftig wieder als Schule genutzt zu werden.


Literatur
  • Inge Schlotzhauer, Das Philanthropin 1804–1942. Die Schule der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1990
  • Das Philanthropin zu Frankfurt am Main. Dokumente und Erinnerungen, Frankfurt am Main 1964

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Novemberpogrom;  
Personen:  Albert Hirsch;  

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2003, aktualisiert am: 31.05.2005