Jüdische Wohlfahrt von 1933 bis zum Novemberpogrom 1938

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Die 1933 gegenüber Juden und jüdischen Institutionen beginnende Ausgrenzungspolitik des NS-Regimes wirkte sich rasch auch auf die Aktivitäten und Möglichkeiten der Zentrale für Jüdische Wohlfahrtspflege aus, in der die fürsorgerischen Aufgaben der Israelitischen Gemeinde zusammengefasst worden waren. Die zuvor gut funktionierende Kooperation mit anderen Institutionen öffentlicher oder freier Wohlfahrt wurde seitens der nichtjüdischen Institutionen immer mehr verweigert – hinzu kamen die Eingriffe von Behörden oder Parteiorganisationen in die Arbeit jüdischer Sozialeinrichtungen, insbesondere von Heimen, die bis hin zur gewaltsamen Schließung gehen konnten und die auf die Straße gesetzten Insassen der jüdischen Fürsorge überließen. Insgesamt aber – so resümiert der damalige Geschäftsführer der Jüdischen Wohlfahrtspflege, Dr. Ralph Bergel – konnte die Arbeit weitergeführt werden (zitiert aus Dokumente, S. 293ff):
„Mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln führte die Jüdische Wohlfahrtspflege ihre alten Aufgaben weiter – die einzige Ausnahme war die Einstellung der Studentenhilfe. Besonderes Augenmerk wurde darauf gerichet, alle Maßnahmen zur Bekämpfung gesundheitlicher Schäden und zu ihrer Verhütung beizubehalten. So war es möglich, die Erholungsfürsorge für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche weiterzuführen. Selbst die Sommerferienspiele für 200 Kinder wurden, wenn auch unter größten Schwierigkeiten, noch im Sommer 1938 abgehalten.“
Die jüdische Wohlfahrtspflege war, wie ihre staatlichen oder kirchlichen Pendants, in die Offene und die Geschlossene Wohlfahrtspflege aufgeteilt. Zu Letzterer gehörte die Erhaltung, Bewirtschaftung und Leitung verschiedener Heime für Waisen, Jugendliche oder Alte, zu Ersterer die allgemeine monatliche Unterstützung fürsorgebedürftiger Personen, die Jugendfürsorge, die Notstandsküche (verbilligtes Essen) und die Betreuung der Kriegsbeschädigten.
Ein neuer Schwerpunkt der Arbeit entwickelte sich aus dem Emigrationsdruck, den das NS-Regime auf die Juden ausübte: „Die Wanderfürsorge der Jüdischen Wohlfahrtspflege, die mit dem Hilfsverein der deutschen Juden als der für ganz Deutschland zuständigen Spitzenorganisation in Auswandererangelegenheiten zusammenarbeitete, mußte denen, die nicht in der Lage waren, auch nur einen kleinen Teil der Auswanderungskosten aufzubringen, helfen. Auswanderungsanträge wurde geprüft, eigene Zuschüsse, wenn nötig und möglich, gewährt, Anträge für Zuschüsse bei dem Städtischen Fürsorgeamt eingereicht. Die Gruppen der Auswanderer mußten auch meistens mit neuer Kleidung, mit Bettwäsche usw. versehen werden.“
Eine besondere Aufgabe ergab sich auch für die Jugendfürsorge: „Als die ersten Anzeichen der Demoralisierung Jugendlicher, besonders aus dem Kreis der Unterstützung empfangenden Familien, sichtbar wurden, wurde im Jahre 1934 ein Tagesheim für jugendliche Erwerbslose gegründet und der Abteilung Jugendfürsorge angegliedert. Dieses Heim richtete für 50 bis 60 Jugendliche sachdienliche Kurse und eine eigene Werkstatt ein, verpflegte die Jugendlichen, denen auch Gelegenheit gegeben wurde, ihre persönlichen Probleme zu besprechen, was für diese Gruppen von besonderer Bedeutung war.“
Wanderfürsorge und Jugendfürsorge verbanden sich bei der Organisation der Kinderauswanderung, der „Kinderverschickung“, durch die von der Wohlfahrtspflege ausgewählte Kinder und Jugendliche vor allem ab 1938 in Sammeltransporten in aufnahmebereite Staaten in Sicherheit gebracht wurden, wobei die Eltern in Deutschland blieben.
Zu den sozialpolitischen Neuerungen, mit denen das NS-Regime seine Vorstellungen von der Volksgemeinschaft umsetzte, gehörte ab 1933 das „Winterhilfswerk des deutschen Volkes“. In den beiden ersten Wintern 1933/34 und 1934/35 wurde auch die jüdische Bevölkerung nach Maßgabe individueller Fürsorgeberechtigung in die Hilfsmaßnahmen einbezogen. Im Herbst 1935 verordnete das NS-Regime aber die strikte Trennung, sodass in kürzester Zeit ein eigenes jüdisches Winterhilfswerk eingerichtet werden musste: Träger waren die beiden jüdischen Gemeinden Frankfurts, die größere Israelitische Gemeinde und die kleinere Israelitische Religionsgesellschaft, Sitz des Hilfswerks wurde die Königswarterstraße 24 (vom NS-Regime umbenannt zu Quinckestraße). Zunächst wurde eine Spendernamenskartei erstellt: „Jüdische Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurden zum ersten Male als Gruppen von einer jüdischen Sammelaktion erfaßt. Über 150 Unternehmungen kamen dem Wunsch einer gemeinsamen Beitragsabführung ihrer Belegschaften nach.“
Daneben gab es monatliche Haussammlungen („Eintopf- und Pfundsammlungen“), im Auftrag des Winterhilfswerks durchgeführt vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Fast alle jüdischen Haushalte wurden so erfasst. Das Winterhilfswerk wurde durch die bestehenden Institutionen der jüdischen Wohlfahrtspflege nach den Richtlinien des deutschen Winterhilfswerks (Lebensmittelgutscheine, Heizmittelzuschüsse, Kleidung, Wäsche usw.) organisiert und funktionierte bis zum Winter 1937/38. Die Vorbereitungen (Einrichtung von Kleider- und Wäschedepots) für 1938/39 waren im Herbst 1938 abgeschlossen, als das NS-Regime den Novemberpogrom inszenierte. In dessen Folge wurden die Räume des Jüdischen Winterhilfswerks beschlagnahmt und geschlossen, das vorbereitete Material von der NS-Volkswohlfahrt geraubt.
Einen Vorgeschmack auf die mit dem Pogrom einsetzenden Repressalien und daraus folgende Aufgaben für die jüdische Wohlfahrtspflege lieferte die Ausweisung der Juden polnischer Staatsangehörigkeit Ende Oktober 1938: Die jüdische Wohlfahrt musste die ohne Vorwarnung verhafteten und in Sammellagern zusammengepferchten Menschen mit dem Nötigsten für den Transport an die polnische Grenze versehen und bei deren überraschender Rückkehr (weil die polnischen Behörden dem Frankfurter Transport die Einreise verweigerten) die gleichen Anstrengungen noch einmal leisten.
Im Gefolge des Novemberpogroms wurde nicht nur das jüdische Winterhilfswerk zerschlagen, sondern auch die gesamte jüdische Wohlfahrt durch die Schließung und Beschlagnahmung ihrer Räume in der Königswarterstraße 24 (Jüdische Wohlfahrtspflege, Jüdische Notstandsküche, Jüdische Winterhilfe, Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe, Arbeitsnachweise) und die Verhaftung der jüdischen Männer für eine Weile vollständig lahm gelegt. Erst im Dezember 1938 ermöglichte das NS-Regime die Wiederbelebung zentraler Aktivitäten, nun aber unter städtischer Aufsicht.
Daß die Jüdische Wohlfahrtspflege von 1933 bis 1938 trotz der durch Auswanderung wohlhabender Familien und dem Zuzug aus umliegenden Landgemeinden flüchtender Familien sich stets verschärfenden Situation noch einigermaßen funktionieren konnte, lag an den enormen finanziellen und personellen Anstrengungen, die die beiden jüdischen Gemeinden dafür unternahmen, wie aus einem Bericht über die Subventionen der Israelitischen Gemeinde für die Wohlfahrt vom 19.7.1937 hervorgeht (zitiert aus Dokumente, S. 298f):
„1. daß etwa 1700 Parteien mit 3900 Personen, nachdem etwa 1500 in Betreuung Stehende infolge Auswanderung aus der Unterstützung ausgeschieden sind,
2. mit einem Zugang im Jahre 1936/37 von etwa 350 Parteien mit 1000 Personen,
3. mit einer Zahl der von der Jüdischen Winterhilfe Betreuten von 2626 Parteien mit 4765 Personen gerechnet werden müsse,
4. die Subventionen der Israelitischen Gemeinde
1933/34 25.000 RM
1934/35 80.000 RM
1935/36 180.000 RM
1936/37 214.000 RM betrage und
1937/38 mit 295.000 RM veranschlagt sei.
5. die Mietzuschüsse im Jahre
1936/37 auf 60.000 RM und
1937/38 auf 85.000 RM
geschätzt würden.
6. der Hundertsatz der Kultussteuer sei von 15% in 1933 bereits auf 27% in 1937 erhöht und ertrage keine weitere Steigerung. …
Aus den zu Protokoll gegebenen Ziffern der Jüdischen Wohlfahrtspflege geht hervor, daß die Verarmung des jüdischen Teils der Bevölkerung progressiv ist. Die Zuschüsse der Gemeinde an die Wohlfahrtspflege sind in den letzten Jahren außerordentlich gestiegen. Der Steuersatz der Gemeinde hat sich in den letzten vier Jahren fast verdoppelt. Die Zuschüsse für Mietbeihilfe haben ebenfalls erheblich zugenommen. Die Möglichkeit, die Wohlfahrtspflege auch künftig in geeigneter Weise zu unterstützen, halte ich nach Kenntnis der Sachlage für sehr schwierig. Hilfsquellen anderer Art stehen außer der Jüdischen Winterhilfe, deren Ziffern durch die Abwanderung zahlungskräftiger Mitglieder ebenfalls in diesem Jahr verringert sind, kaum mehr zur Verfügung.“


Literatur
  • Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945, hg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt am Main 1963, S. 293ff. (Bericht von Ralph Bergel, 1961 verfaßt)
  • Gudrun Maierhof, Selbsthilfe nach dem Novemberpogrom. Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main 1938 bis 1942, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945 (Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17), 1999, S. 157–186.
  • Rachel Heuberger/Helga Krohn, Hinaus aus dem Ghetto …, Juden in Frankfurt am Main 1800–1950, Frankfurt am Main 1988, S. 171ff.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Kindertransporte;  

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